Gläsernes Schwert

Die Scharlachrote Garde erhebt sich
Meine März-Rezension 2026
„Gläsernes Schwert“ ist der zweite Band der Fantasy-Reihe Die Farben des Blutes von Victoria Aveyard. Das 2016 erschienene Buch setzt unmittelbar nach den Ereignissen des ersten Bands „Die rote Königin“ ein. Im Zentrum steht weiterhin Mare Barrow, eine sogenannte Rote, deren magische Fähigkeiten eine Zweiklassengesellschaft aus Rot und Silber ins Wanken zu bringen droht. Mit mehr als 550 Seiten und 29 Kapiteln plus Epilog ist „Gläsernes Schwert“ noch umfangreicher als sein Vorgänger, aber nicht unbedingt besser. Warum mich die Fortsetzung zugleich begeistert sowie stellenweise frustriert hat, und ob es sich wirklich lohnt, sie zu lesen, erfahrt ihr hier ganz ausführlich.
Inhalt
Die 18-jährige Mare Barrow konnte dank Cals Hilfe aus dem Sonnenschloss der Hauptstadt Archeon fliehen. Doch die Soldaten des Königreichs Norta verfolgen die Neublüterin und den Prinzen bis nach Naercey, da ihnen Königsmord vorgeworfen wird. Nur mithilfe von Mares totgeglaubtem Bruder Shade und der Rebellin Farley können sie den Fängen des frisch gekrönten Königs Maven entkommen. Sie finden Schutz bei der Rebellenbewegung Scharlachrote Garde und schließen sich ihr an. Um ihre Chancen auf den Sturz des Königshauses zu verbessern, macht sich Mare mit ihren Verbündeten auf die Suche nach anderen Neublütern: Menschen, die trotz roten Bluts magische Fähigkeiten besitzen. Doch diese Reise ist lebensgefährlich, denn Maven will Mare um jeden Preis gefangen nehmen.
Cover
Im Prinzip ist dieses Cover bloß eine Abwandlung des ersten. Wieder einmal ist dort dasselbe Bild einer jungen Frau, die frontal von oben fotografiert wurde und die die Augen niederschlägt. Sie ist blass und hat eine ruhige Ausstrahlung. Über die linke Hälfte des Covers ziehen sich die scharfkantigen Risse einer gesplitterten blauen Glasscheibe. Im Zentrum verläuft quer ein silbernes Schwert, das mit seiner Spitze nach links zum Glas zeigt und dort hineinragt, als hätte es die Risse verursacht. Die Kombination aus zerbrochenem Glas, kühlen bläulichen Farben und dem Schwert heben das Motiv von Zerbrechlichkeit hervor, was gut zu Mares Innenleben passt: „Wenn ich ein Schwert bin, bin ich ein Schwert aus Glas, denn ich fühle, wie ich langsam zerbreche.“ (S. 326). Dennoch finde ich das Cover nicht wirklich schön und dass sich der Verlag dazu entschieden hat, dasselbe Foto für jedes Cover zu recyclen und nur abzuwandeln, macht es auch nicht besser. Schaut euch mal im Vergleich die US-amerikanischen Cover an, denn die sind im Vergleich deutlich schöner.
Kritik
„Der Lappen, den Farley mir gibt, ist zwar sauber, aber er riecht trotzdem nach Blut.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels. Die Rebellin Farley wird hier eine etwas größere Rolle spielen als noch im ersten Band. Sie ist das Bindeglied zwischen Mares Flucht aus dem Schloss und der Ankunft bei der Scharlachroten Garde. Der Verweis auf Blut ist klug gewählt, um noch einmal auf den Kern der Zweiklassengesellschaft in dieser Fantasy-Welt hinzuweisen. Wieder erzählt Mare Barrow aus der Ich-Perspektive im Präsens. Dabei setzt die Handlung wirklich unmittelbar nach Ende des ersten Bands ein. Mare klebt noch das Blut vom actionreichen Finale aus „Die rote Königin“ am Körper. Außerdem befindet sie sich noch in der Tunnelbahn, in die sie sich mit Farleys Hilfe flüchten konnte. Es können also erst Minuten bis wenige Stunden vergangen sein.
Eine Person, in die Mare inzwischen Vertrauen gefasst hat, ist Tiberias Calore VII, kurz Cal. Er ist der Sohn des kürzlich enthaupteten Königs Tiberias VI und seiner ersten Frau Coriane, die von dessen zweiter Frau Elara umgebracht wurde. Als Erstgeborener ist Cal der rechtmäßige Thronerbe Nortas, doch durch eine von Elara initiierte Intrige wird er entehrt und seines Anspruchs beraubt, damit Elaras Sohn Maven König wird. Cal ist 19 Jahre alt, hat lockiges schwarzes Haar und rotgoldene Augen. Er ist größer als Maven und hat einen breiten, muskulösen Körperbau. Als Silberner des Königshauses besitzt er Pyrokinese-Fähigkeiten. Er kann also aus seinen Händen Feuer beschwören und dieses bändigen. Cal hat ein hohes Verantwortungsbewusstsein für sein Volk, weshalb er sich früher nachts heimlich unter die Leute geschlichen hat, um zu beobachten, was sie beschäftigt. Er ist zudem militärisch interessiert und wurde jahrelang zu einem guten Strategen ausgebildet, was der Scharlachroten Garde nun als Vorteil dient. Ich mag Cal mit seiner verantwortungsbewussten und tapferen Art zwar, finde ihn manchmal aber etwas zu temperamentvoll. Mal sehen, in welche Richtung er sich noch entwickeln wird.
Schreibstil und Sprache sind wieder klar, modern und zugänglich. Aveyard verzichtet auf sprachliche Experimente und legt so einen größeren Fokus auf den Plot. Besonders auffällig ist hier der Anteil an Mares inneren Monologen: Sie steckt voller Zweifel, Schuldgefühlen und innerer Zerrissenheit, die einerseits die Emotionalität verstärken, aber andererseits auch das Tempo drosseln. Dies ist auch einer der größeren Kritikpunkte hier: Das Tempo ist wirklich stark entschleunigt und gerade in der ersten Hälfte des Buches passiert nicht wirklich viel. Ohne das Hörbuch, gelesen von Britta Steffenhagen, wären das wirklich langatmige 300 Seiten gewesen. Während die Spannung im ersten Band noch von politischen Intrigen geprägt ist, schwenkt es hier eher zu regelmäßigen Actionszenen um, bei denen Mare und ihre Verbündeten gegen Wachen, Soldaten oder Verbrecher kämpfen. Darauf folgen aber immer ruhigere Passagen, in denen Planung, Reflexion und Charakterentwicklung im Vordergrund stehen. Atmosphärisch ist das Buch noch düsterer als der Vorgänger. Die Treibjagd, die Maven nach Mare veranstaltet, führt zu emotionaler Erschöpfung, Paranoia und Misstrauen.
Die psychische Belastung, die Mare dadurch erfährt, ist kontraproduktiv für ihre Entwicklung. War sie im ersten Band noch teilweise leichtgläubig und naiv, mutiert sie nun zu einer zunehmend anstrengenden Protagonistin. Sie ist paranoid, leicht reizbar und jähzornig. Dabei lässt sie ihren Frust gerne an ihrer Familie oder Freunden aus und misstraut jenen, die sie niemals hintergehen würden. Etwas nervig ist auch die Dreiecksbeziehung zwischen ihr, Cal und Kilorn, die sich hier entwickelt. Dreiecksbeziehungen gibt es in Jugendbüchern wie Sand am Meer und der Ausgang dieser Vierecksbeziehung, wenn man Maven noch mitrechnen will, ist von Anfang an vorhersehbar. Was den Romance-Anteil betrifft, kann mich diese Reihe also nicht überzeugen.
Interessant an dieser Fantasy-Saga ist auch, dass sie sich narratologisch stark an dystopischen Jugendbüchern orientiert. So ist Flucht hier ein präsentes Leitmotiv, was typisch ist für zweite Bände wie Das Juwel, die Amor-Trilogie, Die Bestimmung oder auch die Cassia & Ky-Trilogie, deren Titel einfach Die Flucht ist. In gewisser Weise ist Die Farben des Blutes also auch ein dystopisches Jugendbuch. Erst jetzt kristallisiert sich langsam heraus, dass Silberne nicht immer in dieser Welt existiert haben, sondern eine Genmutation vor Jahrhunderten dazu geführt hat. Theoretisch könnte vor Jahrhunderten ihre Welt identisch mit unserer gewesen sein und die Geschichte spielt bloß in ferner Zukunft. Mir ist aber auch noch ein himmelschreiender Fehler aufgefallen.In einem Wutanfäll beschwört Mare ein Gewitter und sie beschreibt: „Der erste Donner ist nur ein leises Grollen, auf den ein schwacher Blitz folgt.“ (S. 437). Dumm nur, dass ein Donner die Reaktion auf einen Blitz ist und nicht umgekehrt. Man sieht erst den Blitz, bevor man den Donner hört, weil Licht schneller ist als Schall. Ich war wirklich keine gute Schülerin in Physik, aber das ist ein überraschender Fehler in einem Buch. Hätte Aveyard geschrieben: „Der erste Blitz ist nur schwach, auf ihn folgt ein leiser Donner.“, wäre also alles korrekt, aber das hier ist schon sehr unangenehm.
Das Ende konnte mich dann doch wieder fesseln und zeigt, wie viel Potenzial in dieser Geschichte steckt, was in diesem Band aber nicht wirklich entfaltet werden konnte. Das Finale ist teilweise blutig. Es sterben Figuren, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Und das auf beiden Seiten. Gerade der Epilog lässt den Leser mit so einem fiesen Cliffhanger zurück, dass ich trotz einer gewissen Ernüchterung die Reihe fortsetzen will.
Fazit
Insgesamt hat „Gläsernes Schwert“ bei mir einen gemischten Eindruck hinterlassen. Zwar ist der Schreibstil weiterhin gut und einzelne Figuren sowie das packende Finale zeigen, wie spannend die Geschichte in ihrem Kern ist. Dennoch leidet der zweite Band unter einen entschleunigten Tempo, insbesondere in der ersten Hälfte. Hinzu kommt, dass Mare durch ihre zunehmende Paranoia und Reizbarkeit teilweise anstrengend wirkt. Auch die vorhersehbare Dreiecksbeziehung sowie kleinere Fachfehler trüben das Lesevergnügen gelegentlich. Das Fantasy-Jugendbuch empfinde ich also eher als Übergangsband mit einigen Durststrecken, der nicht an den Vorgänger herankommt. Deswegen erhält es von mir drei von fünf Federn. Dennoch glaube ich an den Plot von Victoria Aveyard und möchte heute noch mit dem dritten Band „Goldener Käfig“ beginnen.
