Wütender Sturm

Großes Finale oder große Enttäuschung?
Meine zweite Mai-Rezension 2026
Mit „Wütender Sturm“ von Victoria Aveyard endet die Low Fantasy-Reihe Die Farben des Blutes. Da mir der dritte Band schon weniger gut gefallen hat, war ich beim vierten entsprechend zwiegespalten. Einerseits hatte ich die Befürchtung, dass die annähernd 800 Seiten ähnlich zäh sein könnten wie „Goldener Käfig“, nur noch länger. Andererseits hatte ich die Hoffnung, dass mit dem großen Finale wieder neuer Schwung aufkommt und die Saga doch packend abgeschlossen wird. Die Wahrheit liegt am Ende wohl irgendwo dazwischen, allerdings mit Tendenz in eine Richtung. Eine Sache verrate ich euch schon jetzt: Ohne das Hörbuch hätte ich für die Lektüre aus dem Jahr 2018 deutlich länger gebraucht.
Inhalt
Die 18-jährige Mare Barrow kann immer noch nicht fassen, dass ihr Geliebter Cal sie fallen gelassen hat, weil durch die Verlobung mit Evangelina Samos der Thron des Königreichs Norta für ihn in greifbarere Nähe rückt. Mit gebrochenem Herzen setzt sie dennoch alles daran, König Maven von seinem Thron zu stoßen. Dieser ist durch seine Heirat mit Prinzessin Iris von den Lakelands mit einem neuen Verbündeten ausgestattet und damit gefährlicher als je zuvor. Die Scharlachrote Garde muss zwingend Bündnisse mit benachbarten Ländern schließen, sonst drohen sie, den Krieg zu verlieren. Doch selbst, wenn sie Maven bezwingen können, haben seine Feinde unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Welt nach ihm aussehen soll.
Cover
Ich will mich hier wirklich nicht wiederholen, aber die Cover wiederholen sich halt auch. Wieder ist es das Mädchen mit dem gesenkten Blick. Dieses Mal mit dunklen, lilafarbenen Wolken und Blitzen sowie einem metallenen, sternförmigen Emblem mit acht Spitzen und einem dünnen Ring außen, der sie verbindet. Das Teil sieht aus wie das Pokémon Starmie und ich finde keine Verbindung zur Geschichte. Cover mit echten Menschen sind immer schwierig, insbesondere wenn sie den Protagonisten nicht einmal ähnlich sehen. Die Gewitterwolken und Blitze finde ich passend, ist Mare doch eine Blitzwerferin. Ansonsten ist das Cover eher schwach, vor allem im direkten Vergleich mit der englischsprachigen Ausgabe.
Kritik
„Wir schweigen einen langen Moment.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels und für mich einer der schwächsten ersten Sätze dieses Jahres. Denn er sagt nicht viel aus und macht auch nicht besonders neugierig. Spannender ist hier jedoch ein Blick auf die Menge der Ich-Erzähler. Nicht nur Mare und Evangelina erzählen hier aus der Ich-Perspektive im Präsens, auch Iris, Cal und Maven fungieren hier als neue Erzähler, wobei die weiblichen Hauptfiguren deutlich im Vordergrund stehen. Cameron jedoch, die im dritten Band ebenfalls Erzählerin war, fällt hier plötzlich weg. Ich verstehe diese Entscheidung nicht ganz, sie von einer der wichtigsten Figuren schlagartig zu einer Randfigur zu machen, die nur noch selten vorkommt. Es wirkt eher so, als wäre die Reihe nicht ganz zu Ende gedacht worden. Oder als wäre Camerons Fähigkeit einfach zu mächtig, sodass der Plot mit ihr schlichtweg nicht funktioniert hätte. So oder so macht es einen sehr ungeschliffenen Eindruck.
Als Protagonistin bestehen bleibt jedoch Evangelina Samos, die neue alte Verlobte von Prinz Cal. Sie ist 19 Jahre alt, hat langes, silbernes Haar und schwarze Augen. Im Original heißt sie übrigens Evangeline, aber die deutsche Übersetzung hat sich wohl gedacht: „Evangelina klingt doch viel besser“, und einfach mal einen Eigennamen abgewandelt. Auch diese Entscheidung verstehe ich nicht, aber sei es drum. EvangelinA ist jedenfalls Magnetorin, kann also Metall manipulieren und kontrollieren. Sie war erst Cals Verlobte, während Mare mit Maven verlobt war. Nach dem Tod des Königs wurden diese Verlobungen jedoch aufgelöst und Evangelina Maven versprochen, als dieser König wurde. Doch auch diese Verlobung wurde von Maven gelöst, weil er sich aus strategischen Gründen lieber mit Prinzessin Iris vermählen wollte. Nun ist Evangelina also wieder mit Cal verlobt, da er mit ihrer Familie ein Bündnis geschlossen hat. Waren Mare und Evangelina also anfangs Feindinnen, sind sie nun erzwungenermaßen Verbündete. Evangelina ist stolz, dickköpfig und wirkt auf den ersten Blick eher kaltherzig. Doch sie ist unglaublich loyal und liebevoll gegenüber ihren Freunden. Sie weiß, was sie will und kämpft darum mit ihrem klugen Köpfchen und ihren strategischen Fähigkeiten. So will sie bspw. unbedingt Königin werden und sehnt sich nach Ruhm und Ansehen. An Cal hat sie jedoch kein romantisches Interesse. Er ist für sie vielmehr Mittel zum Zweck. Außerdem kann sie gut verbergen, was in ihr vorgeht und lässt sich nicht so leicht in die Karten schauen. Das ist eine Eigenschaft, die ich bei anderen Romanfiguren oft vermisse: ein gesundes Maß an Impulskontrolle. Auch wenn andere Leser sie manchmal als zickig beschreiben, mag ich sie auf ihre Art eigentlich gerne.
Aveyards Schreibstil ist weiterhin klar und direkt. Sprachlich ist der Schwerpunkt nun aber stark auf Monologe und Dialoge verlagert. Das macht das Leseerlebnis leider wieder etwas zäher, denn die Monologe drehen sich schnell im Kreis und auch die politischen Dialoge sind teilweise unnötig in die Länge gezogen. Es fühlt sich manchmal so an, als würde Aveyard hier einfach Zeit schinden, bis das Finale erreicht ist. Hier tut sich der größte Kritikpunkt auf: Obwohl „Wütender Sturm“ mit annähernd 800 Seiten und 37 Kapiteln plus Epilog der dickste Band der Reihe ist, lässt er sich inhaltlich am schnellsten zusammenfassen (Harry Potter lässt grüßen). Auch die Atmosphäre hat sich inzwischen weit von dieser Bedrohlichkeit entfernt, die durch die Intrigen am königlichen Hof entstanden ist. Zwar ist die Stimmung immer noch bedrückt, aber nun viel militärischer und weniger märchenhaft als noch zu Beginn der Reihe. Auch die vielen Perspektiven tun dem Plot nicht sonderlich gut. Man erfährt zwar mehr über die Gedankengänge der anderen Figuren, aber die Menge schwächt auch den Fokus. Stilistisch wirkt dieser Band am wenigsten konsistent, auch weil eine Erzählerin rausgeworfen wurde und drei dazugekommen sind.
Erst ab den letzten 50 Seiten zieht der Spannungsbogen endlich an. Zuhause oder unterwegs habe ich mir das Hörbuch angehört, was mir wirklich geholfen hat, Fortschritte zu machen. Doch auch das hat mich die inhaltlichen Schwächen deutlich vor Augen geführt: Sollte ich eine Zeit lang abgelenkt gewesen sein und nicht zugehört haben, machte das nichts, denn man verpasst wahrscheinlich nur das drölfte Mal, dass Mare ihre Wut über Cal äußert. Das ist natürlich etwas überspitzt, aber wegen den ständigen Wiederholungen tritt der Plot häufig auf der Stelle. Das Buch hätte also gerne 100-200 Seiten weniger haben können. Erschwerend kommt hinzu, dass das Hörbuch mit Sandra Borgmann, Christiane Marx, Vanida Karun, Julian Greis und Pascal Houdus fünf Sprecher hat, die Eigennamen teilweise völlig unterschiedlich aussprechen. Cal (Käll) wird von einer Sprecherin einfach „Kahl“ genannt. Auch bei Ptolemus oder Evangelina gibt es ganz verschiedene Betonungen. Zudem gibt es im letzten Band noch einen Sprecherwechsel: Während Mare zuvor von Britta Steffenhagen gelesen wurde, übernimmt dies im letzten Band nun Sandra Borgmann. Auch wenn sie das wirklich gut macht, ist der Wechsel im letzten Band unnötig inkonsistent.
Das Ende ist dann leider auch noch relativ enttäuschend. Hunderte Seiten werden übermäßig in die Länge gezogen, damit Finale und Epilog überraschend kurz ausfallen. Ich hatte auf eine epische Schlacht gehofft, in denen Mares Verbündete ihr Leben riskieren, um Maven zu stürzen. Ich möchte nicht spoilern, deshalb verrate ich nur, dass es anders war, als ich erwartet habe. Es kommt zwar zu einem kurzen, aber spannenden Zweikampf, der Rest war jedoch überraschend langweilig. Ich war fast schon traurig, dass sich durch die Längen zu quälen, rückblickend nicht wirklich gelohnt hat. Der Abschluss war fast schon unkreativ und es gab keinen Schockmoment für mich. Schlussendlich bleiben viele Fragen offen, insbesondere inwieweit sich die politische Ordnung in Norta verändern wird. Julian sagt einfach im übertragenden Sinne: „Darüber musst du jetzt nicht nachdenken, Mare.“, und das war’s. Das gesamte Worldbuilding mit Silbernen und Neublütern spielt im Finale kaum noch eine Rolle, obwohl ein ganzer Band darauf verwendet wurde, Neublüter aufzutreiben. Viele Nebenfiguren, wie Cameron, der Hellseher Jon oder Mares Brüder Bree und Tramy, verschwinden im Plot, ohne abschließend wichtig gewesen zu sein. Das war sehr schade!
Fazit
Ursprünglich war Die Farben des Blutes als Trilogie geplant, wurde dann aber während der Veröffentlichungszeit auf vier Bände verlängert. Im Nachhinein hätte es Victoria Aveyard lieber bei drei belassen sollen. „Wütender Sturm“ hat leider erhebliche Längen, über die auch interessante Figuren wie Evangelina oder Kilorn nicht hinwegtäuschen können. Mare fand ich stellenweise nervig. Sie war überwiegend mit einem Eifersuchtsdrama beschäftigt, dessen Auflösung von Anfang an vorhersehbar war. Hätte ich nicht das Hörbuch gehabt, hätte ich das Low-Fantasy-Buch vielleicht sogar abgebrochen. Der Plot zieht sich durch zahllose Monologe sowie Dialoge unnötig in die Länge, und dann wird man mit einem eher langweiligen Finale abgespeist. Gerade nach fast 800 Seiten hätte ich mir große Konsequenzen oder zumindest einen kreativeren Abschluss gewünscht. Stattdessen bleiben viele Figuren und Konflikte erstaunlich unbedeutend zurück. Den Erzählstrang von Iris hätte man bspw. komplett streichen können, weil er kaum etwas zur Geschichte beiträgt. Ich bin echt enttäuscht, da die Jugendbuch-Reihe viel Potenzial hatte. Aber nach „Die rote Königin“ ließ die Qualität leider spürbar nach, weshalb ich hier nicht mehr als zwei von fünf Federn vergeben kann. Da mich der letzte Band so ernüchtert zurücklässt, werde ich in Zukunft wohl keine Bücher von Victoria Aveyard mehr lesen.
