Extrem laut und unglaublich nah

12. September 2026 0 Von lara

Stark, ungewöhnlich und gewagt

Meine zweite September-Rezension 2026


Gestern jährten sich die Terroranschläge auf verschiedene Gebäude in den USA zum 25. Mal. Der terroristische Massenmord am 11. September 2001 kostete fast 3000 Menschen das Leben. Die meisten Opfer hatten in Büros des World Trade Centers in New York, den sogenannten Twin Towers gearbeitet, die um 9:59 und 10:28 Uhr Ortszeit einstürzten, nachdem dort zwei Flugzeuge eingeschlagen waren. Geschätzt mehr als 10.000 Kinder verloren dabei mindestens einen Elternteil. Der Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer erzählt eine dieser Geschichten. Als Oskar Schell sechs Jahre alt ist, stirbt sein Vater beim Einsturz eines Twins Towers. Der Roman aus dem Jahr 2005 zeigt an Oskar beispielhaft das Leid der Hinterbliebenen, die auf viele Fragen bis heute keine Antwort haben.

Inhalt

Oskar Schnell ist sechs Jahre alt, als sein Vater Thomas bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 uns Leben kommt. Der autistische Junge verliert damit seine engste Bezugsperson. Auch zwei Jahre später hat Oskar den Verlust nicht verwunden und Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen. Beim Stöbern in Thomas‘ Sachen fällt ihm versehentlich eine Vase herunter. Darin findet der Junge einen Schlüssel mit einem Zettel, auf dem in roter Schrift „Black“ steht. Nach kurzer Zeit wird Oskar klar: Der Schlüssel muss jemandem gehören, der mit Nachnamen Black heißt. Und so schlägt er im Telefonbuch alle Menschen nach, die Black heißen und besucht sie, um das Schloss zu finden, das zu seinem Schlüssel passt. Doch es sind nicht die Schlösser sondern die Menschen, die Oskars Leben verändern.

Cover

Auf weißem Hintergrund ist die schwarze Silhouette einer linken Hand zu erkennen. Das war’s. Extrem minimalistisch!

Kritik

„Wie wäre es mit einem Teekessel?“, ist der erste, etwas nichtssagende Satz des ersten Kapitels. Später erfährt man, dass es sich hierbei um Oskars Einschlafritual handelt. Immer, wenn er nachts in seinem Bett liegt, überlegt er sich die unterschiedlichsten Erfindungen, bis er einschläft. Hier geht es um einen Teekessel, der ganze Lieder pfeift anstatt nur einen Ton. Die meiste Zeit erzählt Oskar hier aus der Ich-Perspektive im Präteritum seine Geschichte. Es gibt aber noch zwei weitere Ich-Erzähler: einmal seine Oma (deren Name nie genannt wird) und einem unbekannten Mann, dessen Rolle mit der Zeit aber immer deutlicher wird. Dabei haben Oskars Kapitel alle individuelle Titel, während die der Oma immer „Meine Gefühle“ heißen und die des Unbekannten „Warum ich nicht bei dir bin“. Der Roman hat über 450 Seiten, einige davon sind aber ohne Text, weil sie entweder leer sind oder Bilder enthalten.

Oskar Schell ist hierbei die achtjährige Hauptfigur. Seine Persönlichkeit ist vielschichtig und besonders durch den Verlust seines Vaters 2001 sowie seinen Autismus geprägt. Sein Vater war ein erfolgreicher Juwelier, weshalb er sehr wohlhabend aufwächst. Er lebt mit seiner Mutter und dem Kater Buckminster in einem luxuriösen Wohnung in New York mit einem Portier. Oskar ist ein neugieriger, intelligenter und kreativer Junge. Aufgrund seines verstorbenen Vaters ist er aber auch verletzlich, ängstlich und geradezu neurotisch. So versetzen ihn Flugzeuge, Sirenen, Aufzüge oder Menschenmengen in Panik. Deshalb verzichtet er auch auf öffentliche Verkehrsmittel und nimmt bei der Suche nach dem Schloss für seinen Schlüssel ein Taxi oder geht zu Fuß. Dabei ist Oskar nicht immer ein sympathischer Protagonist: er ist dickköpfig, egozentrisch und hat manchmal starke Wutanfälle. Die Mischung aus Autismus und unverarbeitetem Verlust machen ihn zu einem schwierigen Kind, für das man als Leser Verständnis aufbringen muss. Nicht selten sagt er unfassbar fiese Dinge und verwendet dabei die dreckigste Vulgärsprache, die ihm einfällt. Er ist ein kleiner Klugscheißer, aber wenn er korrigiert wird, sagt er lakonisch „Wie auch immer“. Außerdem hat er einen Hang zu repetitiven Floskeln wie „versteht sich von selbst“ (S. 142/S. 383/S. 387) oder „darüber weiß ich Bescheid“ (S. 12). Dadurch hat er mich auch ein wenig an den schwer erträglichen Holden Caulfield aus Der Fänger im Roggen erinnert. Zudem schreibt er regelmäßig Briefe an prominente Persönlichkeiten und bekommt manchmal sogar Antworten, z.B. von Ringo Starr, Stephen Hawking oder Jane Goodall (das Buch spielt 2003). Oskar hat ausgeprägte Schwierigkeiten, seine eigenen sowie andere Gefühle zu verstehen und zu regulieren. Deswegen neigt er auch zur Selbstverletzung, bei der er sich so stark kneift, bis Hämatome entstehen. Seine täglichen Abenteuer durch New York zeigen ihm aber die Vielschichtigkeit menschlichen Lebens und helfen ihm dabei, reifer und empathischer zu werden. Der Schlüssel ist dabei das Symbol für die Frage, wieso sein Vater sterben musste.

Foers Schreibstil ist ungewöhnlich, experimentell und teilweise fragmentarisch, um Oskars Trauma auch sprachlich auszudrücken. Dabei ist Oskars Sprache für einen Achtjährigen außergewöhnlich eloquent, assoziativ, aber auch sprunghaft. Der Autor nutzt ganz verschiedene Stilmittel, um der Geschichte eine hohe Emotionalität zu verleihen. So gibt es zahlreiche Bilder, leere Seiten, Seiten mit einzelnen Sätzen, überlappende Texte (S. 375), durchgestrichene Worte oder abgedruckte Markierungen (S. 275), die bspw. verdeutlichen sollen, dass ein Text nicht nur von einer Figur geschrieben, sondern auch von einer anderen gelesen wurde. Dabei schießt Foer an manchen Stellen aber übers Ziel hinaus, z.B. als der Unbekannte in einer Telefonzelle steht und seine Nachricht auf der Telefontastatur eingibt, sodass über drei Seiten nur Ziffern abgedruckt sind. Hier eine Kostprobe: „6, 9, 6, 2, 6, 3, 4, 7, 3, 5, 4, 3, 2, 2, 6, 3, 4, 5, 8, 7, 8, 2, 7, 7, 4, 8, 3, 3, 2, 8, 8, 4, 3, 2, 4, 7, 7, 6, 7, 6, 3, 3, 3, 8, 6, 3, 4, 6, 3, 6, 7, 3, 4, 6, 5, 3, 5, 7!“ (S. 357). Und das geht dann mehrere Seiten so. Natürlich könnte man sich jetzt hinsetzen und versuchen, die Nachricht zu entziffern, da jede Zahl für einen von drei oder vier möglichen Buchstaben steht, aber das würde Stunden dauern. Ich bewundere Foers Mut, hier neue Wege zu gehen, aber manche davon sind eben doch nur Sackgassen.

Weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie dieser gewagte Schreibstil in einen Spielfilm übersetzt werden konnte, habe ich ihn mir angeschaut. Obwohl der Film mit Stars wie Tom Hanks, Sandra Bullock oder Viola Davis stark besetzt ist und 2012 sogar für einen Oscar nominiert war, erzielt er bei Rotten Tomatoes nur schwache 45%. Für mich ist es eine passable Verfilmung, die mäßig nah am Buch ist. Es gibt aber auch ein paar Unterschiede. Erst einmal sind die drei Erzählperspektiven aus dem Buch auf die von Oskar reduziert. Das halte ich für eine kluge Umsetzung, denn dies ist auch der größte Schwachpunkt des Romans: Der Klappentext verspricht die Geschichte eines autistischen Jungen, der mit dem Verlust seines geliebten Vaters nicht zurecht kommt. Das entpuppt sich aber als nur die Hälfte des Plots. Ein anderer Teil besteht aus der Erzählung des Unbekannten über seine traumatischen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Man erwartet also eine intensive Auseinandersetzung mit den Anschlägen des 11. Septembers und liest plötzlich etwas vom bombardierten Dresden im Februar 1945 und versteckten Juden. Grundsätzlich zeigt die Verbindung dieser Ereignisse, dass Traumata generationenübergreifende Erfahrungen sind. Man merkt aber, dass zugunsten des eher langweiligen Erzählstrangs des Unbekannten Oskars Part gekürzt wurde. Ich hätte mir hier mehr Begegnungen mit den Blacks und Angehörigen von Opfern des 11. September gewünscht, denn das bietet mehr als genug Stoff für einen ganzen Roman.

Im Buch findet Oskar den Schlüssel mit einem Zettel, auf dem in roter Schrift „Black“ steht, weshalb der Schlossmacher darauf kommt, dass es sich um einen Namen handeln muss und nicht um die Farbe Schwarz. Im Film ist die Schrift aber schwarz, während im Buch betont wird, dass viele Leute bunte Stifte testen, indem sie den Namen der Farbe aufschreiben (S. 66). Auch Abby Black, eine der ersten Blacks, die Oskar besucht, wird im Buch klar als weiße Frau beschrieben und gezeigt (S. 130), im Film aber von der schwarzen Viola Davis gespielt. Der Kater Buckminster, der regelmäßig auf Oskars Bett schläft, wurde leider aus dem Film gestrichen. Der größte Unterschied, der der Rezeption des Films gewiss geschadet hat, ist aber das Alter des Hauptdarstellers. Während Oskar in der Geschichte acht Jahre alt ist, war Thomas Horn zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 14, also fast doppelt so alt. Das sorgt für eine starke Diskrepanz: Ein im Film sichtbar pubertärer Junge sagt Dinge, die für den Mund eines Grundschülers geschrieben wurde. Das lässt den Film-Oskar unreif, anstrengend und nervig erscheinen. Während der Buch-Oskar eine kleine Nervensäge sein kann, ist der Film-Oskar ein unglaublicher Kotzbrocken. Hinzu kommt, dass es Thomas Horn nicht gelingt, seine Rolle autistisch wirken zu lassen. Das merkt man vor allem in Dialogen, wenn Horn konsequent den Blickkontakt mit seinen Gesprächspartnern hält, was Autisten eigentlich nicht tun. Auch seine Gestik und Mimik strahlen keinen Autismus aus.

Anstelle des Films kann ich also vielmehr das Hörbuch empfehlen, das ihr aktuell kostenlos auf Spotify hören könnt. Zwar hat der Sprecher Alexander Khuon eine recht tiefe Stimme, die eindeutig nicht zu einem kleinen Jungen passt, insgesamt liegt in seiner ruhigen Betonung aber eine angenehme Wärme. Natürlich können gewisse Extras im Buch wie Bilder, leere Seiten oder Markierungen nicht angemessen vertont werden. Für durchgestrichene Worte hat Khuon aber eine kluge Technik gefunden. Allerdings ist das Hörbuch gekürzt und gerade wegen der fehlenden Bilder würde ich zu einem hybriden Lesen raten.

Fazit

Insgesamt ist „Extrem laut und unglaublich nah“ ein Roman, der vor allem durch seine ungewöhnliche Form beeindruckt, inhaltlich aber nicht vollständig überzeugen kann. Jonathan Safran Foer erzählt mit viel Kreativität und findet zahlreiche spannende Möglichkeiten, Gedanken und Gefühle auch visuell darzustellen. Gerade Oskar ist als widersprüchliche und nicht immer sympathische Figur interessant, weil seine kindliche Neugier immer wieder auf seine Ängste und seine Trauer treffen. Gleichzeitig wirken manche der formalen Experimente eher wie Selbstzweck, anstatt die Handlung sinnvoll zu ergänzen. Durch den Klappentext entsteht außerdem die Erwartung, einen Roman über einen Jungen zu lesen, der nach dem 11. September mit dem Verlust seines Vaters zurechtkommen muss. Stattdessen nehmen zwei weitere Erzählstränge einen überraschend großen Raum ein, die nichts mit den Anschlägen zu tun haben. Der Klappentext baut hier definitiv eine falsche Erwartung an das Buch auf. Wer experimentelle Literatur mag und sich auf eine ungewöhnliche Erzählweise einlassen möchte, dürfte an dem Werk aus 2005 seine Freude haben. Für mich bleibt es ein sehr interessantes Buch mit spürbaren Schwächen. Deswegen gibt es drei von fünf Federn.