Miroloi

12. Juli 2026 0 Von lara

Ein griechisch-orthodoxes Klagelied

Meine zweite Juli-Rezension 2026


Das zweite Buch, das ich für mein Literaturseminar in diesem Semester gelesen habe, ist „Miroloi“ von Karen Köhler. Der 2019 veröffentlichte feministische Roman sagte mir bisher gar nichts, obwohl er definitiv nicht erfolglos war. Schaut man sich die Rezensionen aus gängigen Feuilletons von Köhlers Debütroman genauer an, fällt auf: „Miroloi“ ist teilweise heftigst zerrissen worden, insbesondere von Männern. Egal ob Deutschlandfunk, Die Zeit oder die Welt; in vielen Kritiken wird kaum ein gutes Haar an dem Werk gelassen. Weibliche Rezensentinnen lobten den Roman hingegen meist für seine kraftvolle Sprache und sein Female Empowerment. Bei solch ambivalenten Kritiken war ich natürlich gespannt, wie gut oder schlecht „Miroloi“ in Wahrheit ist.

Inhalt

Die namenlose weibliche Hauptfigur ist 16 Jahre alt und lebt auf einer kleinen Insel in Griechenland, die alle nur die schöne Insel nennen. Obwohl die junge Frau mindestens in den 1980ern auf der Insel lebt, ist diese doch massiv archaisch. Es gibt keinen Strom, keine Autos und kein fließend Wasser. Die Gesetze, die vom Ältestenrat gemacht werden, sind stark religiös geprägt. Die junge Frau ist auf der Insel eine Außenseiterin, denn sie war ein Findelkind, das ursprünglich nicht von der Insel kommt. Weil ihre Eltern unbekannt sind, bekommt sie nach den Inselgesetzen keinen Namen. Sie wird von den meisten im Dorf wie eine Aussätzige behandelt. Als ihr Fluchtversuch vor einigen Jahren scheiterte, band man sie zur Strafe an einen Pfahl auf dem Dorfplatz und brach ihr anschließend das Bein. Da es keinen Arzt auf der Insel gibt, ist das Bein nicht sauber zusammengewachsen, weshalb sie seitdem das Bein leicht nachzieht. Ihren Alltag verbringt sie damit, die Haushälterin des Bethaus-Vaters zu sein und den Glockenturm zu läuten. Doch dann begegnet sie Yael, einem Betschüler aus der Siedelei auf der anderen Seite der Insel. Sie verliebt sich auf den ersten Blick, doch sie gilt als Missgeburt und wird niemals einen Mann heiraten dürfen. Schon gar nicht einen, den sie selbst gewählt hat.

Cover

Auf dem Cover ist die sehr einfache Zeichnung eines Meers zu sehen: blau durchzogen von fünf weißen, wellenförmigen Streifen. Eine fast schon kindliche Malerei. Das Cover selber ist unscheinbar und verrät nicht wirklich viel über die Geschichte, außer dass sie auf einer Insel spielt. Das Meer umgibt diese Insel, wie Inseln es so an sich haben. In gewisser Weise spielt das Meer auch eine inhaltliche Rolle. Wie heftig und brutal dieser Roman allerdings ist, bleibt unter der Wellen verborgen.

Kritik

„Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle.“, sind die ersten drei Sätze des ersten Kapitels. Hier gewinnt man schon den ersten Eindruck von den stakkatohaften Sätzen und der Tatsache, dass vor Vulgärsprache nicht zurückgeschreckt wird. Diese Schimpfworte hört die namenlose Protagonistin fast täglich. Es wird ihr von Kindern und anderen Dorfbewohnern hinterher gerufen. Denn sie wurde nicht auf der schönen Insel geboren. Sie kommt aus einer unbekannten Welt, die man auf der Insel nur als „Drüben“ bezeichnet. Weil man ihre Eltern nicht kennt, trägt sie als einzige im Dorf keinen Namen. Auf über 450 Seiten und 128 Kapiteln, die hier als Strophen bezeichnet werden, verfolgt man ihren Kampf um Selbstermächtigung und Auflehnung gegen patriarchale Systeme. Dass die Kapitel hier Strophen sind, ist kein Wunder. Denn der nichtssagende Titel „Miroloi“ ist ein Klage- oder Totenlied aus dem griechisch-orthodoxen Glauben. Da die Namenlose nicht zur Gemeinschaft gehört, keinen Besitz haben darf und sie als Unglücksbringerin gilt, wird sie nach ihrem Tod jedoch niemand besingen: „Mein Miroloi muss ich mir selber singen, damit kann ich nicht warten, bis ich gestorben bin, sonst wird es mich nie gegeben haben“ (S. 10).

Die namenlose Ich-Erzählerin arbeitet als Haushälterin für den Bethaus-Vater, der sie gefunden und aufgezogen hat. Er ist die höchste religiöse Figur des Dorfes und damit eine Respektsperson. Er hält seine schützende Hand über sie. In seiner Nähe traut sich niemand, sie zu beleidigen oder anzuspucken. Insgesamt ist er für sie wie ein Vater. Und auch, wenn es kleinere Konflikte zwischen ihnen gibt, ist das Verhältnis dennoch gut. Außerdem ist sie die Glöcknerin des Dorfes, was ironisch ist, weil sie ein Bein nachzieht. Anfangs ist die Protagonistin naiv, dümmlich und ungebildet, denn Frauen in ihrem Dorf ist es nicht gestattet, lesen und schreiben zu lernen. Jedoch bringt der Bethaus-Vater es ihr heimlich bei. Es ist etwas, das sie teilen und miteinander verbindet. Damit offenbaren sich ihr Geheimnisse, die ihr sonst verborgen geblieben wären. Und schrittweise beginnt sie zu begreifen, in was für einem unterdrückerischen und ungerechtem System sie lebt. Ich fand sie nicht immer sympathisch und auch nicht immer nachvollziehbar, z.B. als sie aus reiner Wut heraus ihre Katze treten wollte. Aber ich bewundere doch ihren Mut, sich gegen die zahllosen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen.

Köhlers Schreibstil ist stark an die Ich-Perspektive angepasst und anfangs schlicht und wiederholend. Die Namenlose hat zu Beginn eine sehr kindliche Perspektive auf die Welt und mit ihrem limitierten Vokabular sowie den schrägen Neologismen wird ihre eingeschränkte Wahrnehmung gut unterstrichen. Später lernt sie aber bspw. den Konjunktiv zu nutzen und sich sprachlich zu entfalten. Hinzu kommen viele Begriffe, die von der fiktiven Religion der Insel geprägt sind, wie Pujachatt (Gottesdienst), Kanah oder Satvastan. Auch die Atmosphäre der kleinen griechischen Insel mit ihrer Natur, Architektur und Esskultur wird wunderbar eingefangen. Wenn von Schafskäse mit Oliven und summenden Bienen im sonnigen Gemüsegarten geschrieben wird, entsteht das Bild eines trügerischen Paradieses, das für Frauen aber zur Hölle auf Erden wird. Das Tempo ist überwiegend langsam, denn die alltäglichen Rituale werden ausführlich geschildert. Trotzdem ist es nicht langweilig und ab der zweiten Hälfte spitzen sich die Konflikte deutlich zu. Köhlers experimenteller Stil funktioniert aber leider nicht immer gut. Als die zwölfte Strophe bspw. aus einer Auflistung aus Substantiven besteht, die die Namenlose kennt, und sie sich stellenweise wiederholt, habe ich mich unironisch gefragt: Was ist das für ein Scheiß? Ein anderes Kapitel besteht nur aus der Wiederholung des Namens ihres Angebeteten mit alternierenden Satzzeichen. Kostprobe gefällig? „Yael Yael Yael Yael Yael Yael. Yael Yael Yael Yael, Yael Yael Yael Yael Yael Yael Yael Yael.“ (S. 213) Und das Veröffentlichen leerer Seiten als Kapitel, um die innere Leere der Protagonistin wiederzugeben, das gab’s schon bei Stephenie Meyers „Bis(s) zur Mittagsstunde“. Und das ist gewiss auch kein literarischer Geniestreich. Nicht zu vergessen: Die Dialoge sind wie Stichpunkte aufgelistet, sodass stellenweise nicht klar ist, wer gerade redet. Anführungszeichen gibt es im gesamten Buch nicht. Stilistisch finde ich den Roman also gleichermaßen außergewöhnlich wie abgedreht.

Religiosität spielt auf der schönen Insel eine besonders große Rolle. Der Glaube ist zwar fiktiv, hat aber starke Parallelen zur griechisch-orthodoxen Kirche. Das Glaubensbuch, die Khorabel, ist ein Wortspiel mit Koran, Thora und Bibel. Allerdings ist der Glaube auf der Insel nicht monotheistisch, sondern polytheistisch. Sie glauben an drei männliche Götter: den Schöpfer, den Bewahrer und den Zerstörer. Der Ältestenrat, der aus 13 Männern besteht, bestimmt die Gesetze auf der Insel, die von der Außenwelt völlig abgeschnitten ist. Sobald Mädchen menstruieren, werden sie verheiratet, wobei der Rat jedes Jahr die Bräutigame auswählt. Die Mädchen haben kein Mitspracherecht. Fluchtversuche von der Insel stehen unter Strafe, sie ist also ein Gefängnis für die Bewohner. Mit dem Glaubensbuch wird die Unterdrückung von Frauen legitimiert. Die Religion ist hier also ein missbräuchliches Mittel zum Zweck. Grundsätzlich ist dieser Roman inhaltlich harter Tobak. Es geht um häusliche und sexuelle Gewalt inklusive Vergewaltigung, Folter, Tierquälerei, Mobbing und Hinrichtungen. Solltet ihr für einen dieser Trigger anfällig sein, seid bei der Lektüre bitte vorsichtig! „Miroloi“ ist also nicht nur feministisch, sondern auch religionskritisch.

Der Plot ist stellenweise wirklich harter Tobak, umso weniger verwunderlich ist es, dass auch das Finale brutal und grausam ist. Das Ende bleibt leider enttäuschend offen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, bspw. wer die Eltern der Protagonistin sind. Und auch ein weiterer Aspekt hat mich gestört: Die Namenlose verliebt sich in den Betschüler Yael. Eigentlich nur, weil er ein hübsches Gesicht und Locken hat. Dann trifft sie ihn in einem unbeobachteten Moment wieder, und sie fallen übereinander her wie Tiere. Es gibt keinen starken Dialog, keine Chemie zwischen den beiden. Beim zweiten Treffen schlafen sie sofort miteinander, dabei ist Yael rücksichtslos, tut ihr weh und scheint nur auf seine eigene Befriedigung zu achten. Und trotzdem himmelt sie ihn weiter an? Ich erwarte keine starke Romantik von diesem Roman, aber ein bisschen mehr Tiefe hätte ich von der Beziehung zwischen den beiden doch erwartet. Das ist für mich der größte Schwachpunkt an „Miroloi“.

Fazit

Es fällt mir schwer, ein faires Urteil über „Miroloi“ zu fällen, wo meine Eindrücke doch so ambivalent sind.
Einerseits bewundere ich Karen Köhlers Mut, formal und sprachlich neue Wege zu gehen, und schätze die eindringliche Auseinandersetzung mit patriarchaler Unterdrückung, religiösem Machtmissbrauch und weiblicher Selbstermächtigung. Andererseits schießt der experimentelle Stil immer wieder übers Ziel hinaus, einige formale Spielereien wirken eher prätentiös als gewinnbringend, und vor allem die Liebesgeschichte konnte mich überhaupt nicht überzeugen. Auch das offene Ende hinterlässt mehr Frust als Nachhall. Dennoch hat Karen Köhlers Debütroman diese literaturkritische Zerfleischung absolut nicht verdient. Der Rezensent von Deutschlandfunk geht so weit zu behaupten, der Roman sei in Wahrheit ein Jugendbuch und er würde nur deshalb wohlwollend kritisiert werden, weil er Feminismus behandle. Es ist spannend, wie substanzlos die Verrisse männlicher Rezensenten sind. Vielleicht, weil die Welt eines ungebildeten, religiös indoktrinierten und hinterwäldlerisch lebenden Mädchens zu weit weg von ihrer eigenen Biografie ist. „Miroloi“ aus dem Jahr 2019 ist zweifellos ein außergewöhnlicher und diskussionswürdiger Roman, der viel wagt und ebenso viel polarisiert. Mich hat er nicht restlos überzeugt, aber ich kann ihn vor allem jenen empfehlen, die offen für experimentelle Literatur mit feministischen und religionskritischen Themen sind. Deswegen erhält diese ungewöhnliche Lektüre von mir gute drei von fünf Federn.

Ihr braucht eine Zweitmeinung? Anna von Ink of Books hat ebenfalls eine lesenswerte Rezension über dieses Buch geschrieben:
Ink of Books: Miroloi