Den Mund voll ungesagter Dinge

31. Mai 2026 0 Von lara

Sophie und Alex

Meine dritte Mai-Rezension 2026


Das Motto für die Lesechallenge im Mai lautet: „Lies eine queere Geschichte.“ Es ist ein großartiges Motto, denn hier kann man frei wählen, welche queere Repräsentation man bei der Lektüre wählen möchte. Mir ist sofort ein Buch in den Sinn gekommen, das ich im August 2021 während meines Urlaubs im Dussmann Berlin gekauft habe: „Den Mund voll ungesagter Dinge“ von Anne Freytag. Bereits vor zwei Jahren habe ich „Mein bester letzter Sommer“ von der Autorin gelesen, was ich sehr mochte. Nun ist also ein weiteres Jugendbuch von ihr an der Reihe. Es erschien 2017 und handelt von einer Teenagerin, die schleichend erkennt, dass sie vielleicht gar nicht heterosexuell ist. Warum das Buch mit dem Thema aber manchmal nicht gut umgeht, verrate ich euch in dieser Rezension.

Inhalt

Die 17-jährige Sophie Richter zieht 2016 mit ihrem alleinerziehenden Vater Christian von Hamburg nach München, um mit seiner Freundin Lena und ihren beiden Söhnen Valentin und Leon eine Patchwork-Familie zu gründen. Obwohl sie von ihren neuen Familienmitgliedern liebevoll empfangen wird und ein riesiges Zimmer für sich bekommt, fühlt sie sich nicht heimisch und vermisst ihr Leben in Hamburg mit ihrem besten Freund Lukas. Doch dann beobachtet sie durch ihr Fenster das blonde Nachbarmädchen mit der Zahnlücke und fühlt sich auf merkwürdige Weise zu ihr hingezogen. Als sie erfährt, dass sie mit ihr in dieselbe Jahrgangsstufe des Gymnasiums geht, gibt es für Sophie vielleicht doch einen Grund, sich auf ihr neues Leben in München zu freuen.

Cover

Das Cover besteht lediglich aus dem knallroten Hintergrund und einer Schwarzweiß-Illustration einer jungen Frau unten rechts. Man sieht sie nur von hinten. Sie hat die Haare zu einem Dutt gebunden, aus dem sich wirre Strähnen gelöst haben. Das einzig farbige an ihr ist das rotweiß gestreifte T-Shirt, das von ihrer linken Schulter gerutscht ist. Anhand des T-Shirts wird deutlich, dass es sich bei dem Mädchen um Sophie handelt, da es im Buch als ihr Lieblingsshirt beschrieben wird. Ansonsten nimmt der Titel einen Großteil des Covers ein. Zwar ist es minimalistisch, hat aber auch einen hohen Wiedererkennungswert. Dass es sich hierbei um eine queere Geschichte handelt, wird allerdings nicht deutlich.

Kritik

„Es schüttet.“, ist der erste, knappe Satz des Prologs „Und vor mir das Nichts“. Der starke Regen soll hier die Gefühlslage der Protagonistin Sophie widerspiegeln, die ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive im Präsens erzählt. Spannend ist: Dieser Prolog ist auch ein späteres Kapitel. Auf Seite 362 steht exakt derselbe Text. Nur die letzten vier Sätze des Prologs sind anders, während später noch zwei Absätze folgen. In der Erzähltheorie ist das ein ganz typischer Einsteig: Im Prolog wird ein kleiner Schnipsel präsentiert, der zukünftige Ereignisse im linearen Handlungsverlauf vorzeitig präsentiert. Germanisten nennen das eine Prolepse, falls ihr mal ein bisschen angeben möchtet. Auf fast 400 Seiten arbeitet sich die Leserschaft also kontinuierlich in kleinen Schritten auf den Handlungszeitpunkt im Prolog hin. Sophies Geschichte beginnt dabei im März 2016 und endet im September desselben Jahres.

Protagonistin ist die 17-jährige Sophie, die dunkle Haare hat, schlank und laut ihres besten Freundes Lukas „fast schon absurd schön“ (S. 184) ist. Innerlich ist sie aber unsicher und verletzlich. Ihre Mutter hat sie nach ihrer Geburt verlassen, und so wuchs Sophie bei ihrem alleinerziehenden Vater auf. Sie ist nachdenklich und authentisch. In vielerlei Hinsicht habe ich mich bei ihr selbst zurückversetzt gefühlt in die Zeit meiner Teenager-Jahre. Womit ich jedoch meine Schwierigkeiten hatte, war dass sie mit ihren jungen 17 Jahren schon mehrfach betrunken Sex auf Partys hatte. Sie war noch nie in einen Jungen verliebt, hatte noch keinen festen Freund, aber hat sich im Suff dann doch einfach mal flachlegen lassen. Schlimmer noch, ihr bester Freund Lukas nennt sie ständig bei ihrem Spitznamen „Flittchen“ (S. 22), der daher rühren soll, dass Sophie mal eine Phase gehabt haben soll, in der sie roten Lippenstift getragen hat und in Kombination mit ihren dunklen Haaren wie Schneewittchen ausgesehen haben soll. Und natürlich, dass sie in Hamburg den Schlampenruf weg hatte. Grundsätzlich fand ich die Dynamik zwischen Lukas und Sophie schwierig. Sie sind zwar Kindheitsfreunde, aber dass sie sich auf die Wange küssen, gemeinsam kuschelnd in einem Bett schlafen oder auf einer Party so tun, als hätten sie im Badezimmer Sex gehabt, fand ich absolut schräg. Gerade weil Lukas eine feste Freundin hat, die wohl nicht ganz grundlos eifersüchtig ist. Auf mich wirkte Lukas grenzüberschreitend, wie er jeden verzweifelten Versuch unternimmt, aus der Friendzone zu kommen. Auch wenn ich Sophie meistens sympathisch finde, merkt man, dass sie noch in einer Selbstfindungsphase steckt und sich für Anerkennung zu sehr an Typen anbiedert, die es eigentlich nicht gut mit ihr meinen. Sie muss noch lernen, Grenzen zu setzen und sich nicht zu sehr als Pick me-Girl zu inszenieren.

Freytags Schreibstil ist modern, direkt und stellenweise metaphorisch. Dabei ist die Sprache jugendlich, intensiv und trotzdem unaufgeregt. Das Tempo ist perfekt ausgewogen und man kommt schnell in einen Lesefluss. Der Schreibstil ist wirklich die größte Stärke des Jugendbuchs: Er wirkt mühelos atmosphärisch und wunderschön. Schon bei „Mein bester letzter Sommer“ war ich von der zarten und warmen Atmosphäre begeistert, und auch hier gibt es trotz Streitigkeiten ein wunderbar wohliges Gefühl, das Anne Freytags Bücher zu etwas ganz Besonderem macht. Die Konflikte wirken nachvollziehbar und nicht aufgesetzt. Außerdem gibt es keine Längen, sondern jedes Kapitel ist sprachlich rund und bereitet große Freunde beim Lesen. Auf stilistischer Ebene habe ich also absolut nichts zu kritisieren.

Dennoch gibt es auch zwei unübersehbare Schwachpunkte in „Den Mund voll ungesagter Dinge“. Einmal sind das medizinische Ungenauigkeiten, die mir bereits bei „Mein bester letzter Sommer“ aufgefallen sind. Hier ist die Protagonistin zwar nicht sterbenskrank, doch sie hat einmalig starkes Fieber und liegt mehrere Tage flach. Laut Lena hat Sophie bis zu 41,8°C Fieber. Einmal zur Einordnung: ab etwa 41°C spricht man von einem lebensgefährlichen Zustand, 42°C sind mit dem Leben kaum noch vereinbar. Bei extrem hohem Fieber steigt das Risiko für Kreislaufversagen, neurologische Schäden oder Krampfanfälle. Sophie beschreibt sogar tagelange Bewusstlosigkeit. Dennoch bringen weder Christian noch Lena sie ins Krankenhaus, um Laborwerte messen, Infusionen geben oder lebensbedrohliche Erkrankungen wie Sepsis oder eine Hirnhautentzündung ausschließen zu lassen. Und das alles, obwohl beide Ärzte sind und ihnen die zwingend notwendige Einweisung bewusst sein sollte. Stattdessen duschen sie Sophie fälschlicherweise kalt ab und lassen sie im Bett liegen. Ich verstehe, dass Sophies Erkrankung auch eine symbolische Bedeutung hat und mit einem inneren Konflikt einhergeht. Aber man hätte sie wenigstens realistischer schreiben können, z.B. mit 39,8°C Fieber. Besonders weil sie mit Ärzten zusammen lebt, fällt diese Szene auseinander wie morsches Holz. Ausreichende Recherchen im medizinischem Bereich sind definitiv Freytags Kryptonit.

Außerdem ist der Umgang mit Homo- bzw. Bisexualität und dem Coming Out hier stellenweise schwierig. Aus dem Klappentext geht bereits hervor, dass Sophie und Alex anfangen, sich sexuell näher zu kommen. Allerdings hat Alex bereits einen festen Freund: Clemens. Und den verlässt Alex auch nicht, sondern betrügt ihn mit Sophie. Das wird zwar auch thematisiert, aber viel zu lange wird einfach ignoriert, dass eine von ihnen nicht single ist. Außerdem hätte ich mir gewünscht, dass das Coming Out von einem der beiden und dessen Folgen näher beleuchtet werden. Zwar erfährt sie teilweise Unverständnis, aber die Folgen scheinen für sie banal und tendenziell positiv zu sein, obwohl negative Reaktionen wie Ablehnung, Mobbing oder Kontaktabbrüche für viele Jugendliche leider sehr real sind. Da hätte ich mir eine differenziertere Auseinandersetzung gewünscht.

Das Ende hat mir dagegen sehr gut gefallen. Konflikte schaukeln hier noch einmal hoch, und auch, wenn Freytag in der Danksagung geschrieben hat, dass ihr die Streitdialoge sehr schwer gefallen sind, finde ich sie doch gelungen. Beide Positionen sind irgendwo nachvollziehbar, auch wenn Alex für mich unsympathisch bleibt. Lena habe ich dagegen sehr ins Herz geschlossen und sie wird mir als liebste Figur in diesem Buch in Erinnerung bleiben. Insgesamt kann ich euch „Den Mund voll ungesagter Dinge“ also ans Herz legen.

Fazit

Anne Freytags atmosphärischer, wunderschöner und müheloser Schreibstil trägt „Den Mund voll ungesagter Dinge“ und macht die Geschichte über weite Strecken zu einem echten Lesevergnügen. Alle Figuren wirken glaubwürdig und Sophie ist eine authentische Jugendliche in einer Selbstfindungsphase. Kritisch ist dagegen mal wieder die unrealistische medizinische Darstellung, hier von Sophies Fieber, sowie die etwas oberflächliche Behandlung von Fremdgehen, einem Coming Out und den Folgen. Trotz dieser Schwächen habe ich das Jugendbuch aus dem Jahr 2017 sehr gerne gelesen, weshalb ich ihm vier von fünf Federn gebe. Von Freytag habe ich noch den Thriller „Aus schwarzem Wasser“ auf dem SuB, den ich gerne nächstes Jahr lesen möchte.