Goldener Käfig

Silbernes gegen rotes Blut
Meine April-Rezension 2026
„Goldener Käfig“ ist der dritte Band der Low Fantasy-Reihe Die Farben des Blutes von Victoria Aveyard. Sie wurde 1990 in Massachusetts geboren und studierte Drehbuchschreiben an der University of Southern California. Die Farben des Blutes gilt bis heute als ihre erfolgreichste Buchreihe, aber auch die Breaker-Reihe, ihre erste High Fantasy-Saga, wurde auf Deutsch veröffentlicht. 2018 war sie zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse, wo ich sie leider knapp verpasst habe. Auf Instagram produziert sie momentan Reels und Stories, die auf die politischen Missstände in den USA hinweisen. Sie kritisiert unter anderem die Immigrationsbehörde ICE scharf. Kein Wunder also, dass es in ihren Büchern auch um Gewalt, politische Unterdrückung und Diskriminierung geht. „Goldener Käfig“ erschien 2017 auf Deutsch und ist der vorletzte Band der Reihe.
Inhalt
Die 18-jährige Mare Barrow hat sich auf einen Deal mit König Maven eingelassen: Er verschont das Leben ihrer Freunde, wenn sie sich von ihm gefangen nehmen lässt. Und so wird sie in Ketten zurück in das Schloss von Archeon gebracht, wo sie in einer schlichten, aber komfortablen Zelle leben muss. Damit sie ihre Fähigkeiten nicht einsetzen kann, wird sie von Silbernen bewacht, die diese unterdrücken. Dort hat sie mehr als genug Zeit, um die jüngsten Ereignisse zu verarbeiten, darunter auch der Tod von Königin Elara sowie ihres ältesten Bruders Shade. Doch trotz ihrer eingeschränkten Möglichkeiten nimmt sich Mare fest vor zu entkommen. Und auch Prinz Cal und die Scharlachrote Garde setzen alles daran, sie zu befreien. Denn sie ist schon längst das Gesicht der Rebellion gegen die silberne Monarchie geworden.
Cover
Auch hier ist das Cover prinzipiell identisch zu den Vorgängern, nur dass das Gesicht des Mädchens auf der linken Seite nicht von blauem Glas, sondern von goldenem Stuck überdeckt ist. Dieser soll wohl symbolisieren, dass Mare gefangen ist in einem prunkvollen Schloss. In der Mitte ist dazu noch ein kleiner, goldener Käfig abgebildet, der diese Symbolik noch einmal verstärkt. Die Abwandlung der identischen Cover macht zwar die Zusammengehörigkeit der Reihe klar, wirkt in ihrer Monotonie aber auch irgendwie lieblos. Die originalen Cover sind da deutlich eindrucksvoller. Grundsätzlich bin ich aber auch einfach kein Fan von fotografierten Menschen auf Covern.
Kritik
„Ich versuche aufzustehen, als er mich lässt.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels. Wieder erzählt Mare hier aus der Ich-Perspektive im Präsens und schildert direkt zu Beginn, wie sehr sie in Gefangenschaft von König Maven und seinen Launen abhängig ist. Neben Mare tauchen hier aber auch zwei neue Erzählerinnen auf: Cameron Cole und Evangelina Samos. Zudem gibt es seit „Gläsernes Schwert“ vorne im Buch eine Karte von Norta und den umliegenden Ländern, die im dritten Band noch einmal erweitert wurde. Bei der Betrachtung der Umrisse und Küsten ist mir aufgefallen, dass das hier keine Fantasy-Welt ist, sondern die Nordostküste der USA. Lake Tarion im Buch ist bspw. in Realität Lake Ontario sowie Lake Eris in unserer Welt Lake Erie. Auch Städte sind teilweise wiedererkennbar. So ist die Hauptstadt Nortas Archeon an derselben Stelle wie bei uns New York City mit dem Hudson River, der im Buch als Capital River bezeichnet wird. Oder die Stadt Delphie mit dem March River, die wir eher als Philadelphia und Delaware River kennen. Die Insel, auf der sich die Scharlachrote Garde im zweiten Band verschanzt hat, heißt im Buch Tuck, womit wohl Nantucket gemeint ist, was zu Aveyards Heimatstaat Massachusetts gehört. Damit ist die Geschichte nicht in einer Fantasy-Welt angelegt, sondern in unserer, aber dafür in der Zukunft. Somit rücken die Fantasy-Elemente also mehr in den Hintergrund, während die dystopischen Anteile immer deutlicher werden.
Eine der neuen Erzählerinnen ist Cameron Cole. Sie ist wie Mare eine Neublüterin, also eine Rote mit übernatürlichen Fähigkeiten. Sie kann Stille einsetzen, eine Fähigkeit, mit der sie die Fähigkeiten anderer unterdrücken kann. Dabei ist sie so mächtig, dass sie auch den Puls oder die Körpertemperatur anderer senken sowie ihnen kurzzeitig die Sicht nehmen kann. Cameron hat schwarze Haut und lockiges, schwarzes Haar. Sie kommt aus den Slums von New Town und führte ähnlich wie Mare ein Leben in Armut, obwohl sie zur Zwangsarbeit rekrutiert wurde. Deswegen trägt sie auch ein Tattoo mit ihrer Identifikationsnummer auf ihrem Nacken. Cameron wurde von Mare gezwungen, sich der Scharlachroten Garde anzuschließen, weshalb zwischen den beiden ein Konflikt schwelt. Cameron ist brutal ehrlich, dickköpfig und stur, weshalb sie häufig an die jähzornige Mare gerät. Im Kern ist sie aber sehr loyal und hat Respekt für das, was Mare erleiden musste. Dennoch finde ich Cameron bisher nicht wirklich sympathisch und finde, dass sie in manchen Momenten besser ihre vorlaute Klappe gehalten hätte. Zwar hilft ihre Perspektive, einen Einblick in die Scharlachrote Garde während Mares Abwesenheit zu bekommen, aber die beiden zusätzlichen POVs waren nicht unbedingt notwendig und brechen leider mit dem Erzählstil der ersten beiden Bände.
Im Großen und Ganzen bleibt der Schreibstil wie gewohnt einfach und zugänglich. Die Atmosphäre ist meist düster und von Mares Gefangenschaft sowie dem sich anbahnenden Krieg geprägt. Allerdings gibt es hier deutlich mehr Monologe und innere Konflikte, die in ihrem Kern aber keine ausreichende Tiefe bieten. Dieser Band ist klar auf das Innenleben der Erzählerinnen ausgelegt, welches dann leider nicht wirklich spannend ist. Dadurch wird das Tempo spürbar langsamer und unregelmäßiger. Manche Passagen haben sich wie Kaugummi gezogen und der Plot hat keinerlei Fortschritte gemacht. Dank des Hörbuchs konnte ich manch zähere Stellen besser überwinden, aber für das, was insgesamt im Buch passiert, sind die annähernd 650 Seiten mit 29 Kapiteln plus Epilog eindeutig zu viel. Das ist ganz klar der größte Kritikpunkt an „Goldener Käfig“. Wegen den neuen Erzählerinnen hat das Hörbuch neben Britta Steffenhagen nun auch Christiane Marx und Yara Blümel als Sprecherinnen.
Tatsächlich ist dieser Punkt so gravierend, dass es mir schwerfällt, noch viel mehr über dieses Buch zu schreiben. Denn, sollte ich es wirklich ganz böse formulieren, könnte ich die Handlung dieses dicken Schinkens in wenigen Sätzen zusammenfassen. Nachdem ich das Buch zugeschlagen habe, habe ich mich gefragt: Was ist hier im Kern eigentlich wirklich passiert? Und natürlich gibt es einige wichtige Ereignisse im Plot, aber sie sind unter Anbetracht des Umfangs erstaunlich rar. Allerdings haben mir die wenigen Kapitel aus Evangelinas Perspektive gut gefallen und vielleicht ist sie gar nicht so ein schlechter Mensch, wie Mare denkt. Ich hoffe jedenfalls, dass sie im vierten Band weiterhin relevant ist.
Erst zum Ende hin kommt wieder etwas Fahrt auf, doch obwohl es einen Kampf und einen Plottwist gibt, ist das Finale doch eher schwach, vor allem im Vergleich zu den anderen Bänden. Anstatt mit Spannung zu trumpfen, wird hier eher künstliches Drama erzeugt. Im Allgemeinen legt der dritte Band also seinen Fokus auf das wenig interessante Innenleben der Figuren, anstatt den Plot voranzutreiben. 100 Seiten weniger hätten „Goldener Käfig“ wirklich gut getan.
Fazit
Meine Meinung zu „Goldener Käfig“ von Victoria Aveyard fällt leider ernüchternd aus: Zwar punktet der dritte Band weiterhin mit einer zugänglichen Sprache, einer düsteren Atmosphäre und teilweise interessanten Perspektivwechseln, doch die zusätzlichen Erzählerinnen brechen auch mit dem gewohnten Erzählstil. Vor allem der starke Fokus auf wenig tiefgehende innere Monologe sorgt dafür, dass sich die Handlung zieht und kaum vorankommt, sodass der umfangreiche Roman insgesamt überraschend wenig Inhalt bietet. Auch das Finale kann trotz einzelner spannender Ansätze nicht wirklich überzeugen und wirkt eher künstlich dramatisch als packend. Deshalb überwiegen für mich hier leider die Schwächen, weshalb ich dem dritten Band von Die Farben des Blutes schweren Herzens nur zwei von fünf Federn geben kann. Ich hoffe aber, dass der vierte und letzte Band wieder mehr zu bieten hat, deswegen gebe ich ihm noch eine Chance, mich zu überzeugen.

Ihr wollt eine Zweitmeinung? Sandra von Miss Pageturner hat ebenfalls eine kurze, lesenswerte Rezension über dieses Buch geschrieben:
Miss Pageturner: Goldener Käfig