Die rote Königin

Die Farben des Blutes entscheiden
Meine Februar-Rezension 2026
Eine Fantasy-Reihe, die ich 2025 unbedingt noch beginnen wollte, ist Die Farben des Blutes von Victoria Aveyard. Sie ist mit vier Bänden abgeschlossen, der erste mit dem Titel „Die rote Königin“ erschien 2015 auf Deutsch. Obwohl die Saga also schon etwas länger auf meinem SuB liegt, habe ich das Interesse an ihr nie verloren, denn bisher habe ich nur Gutes darüber gehört. Und auch nach dem großen Hype sind die Bücher nicht aus dem Bewusstsein der Leserschaft verschwunden, sondern werden nach wie vor empfohlen. Ich war also sehr gespannt darauf, in was für eine Fantasy-Welt mich diese Lektüre bringt und ob es sich lohnt, sie auch gut zehn Jahre nach ihrer Veröffentlichung zu lesen.
Inhalt
Die 17-jährige Mare Barrow lebt in einem Dorf namens Stilts mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Gisa in einer Holzhütte auf Stelzen. Ihre drei älteren Brüder sind bereits in den Krieg eingezogen worden, und auch Mares 18. Geburtstag rückt immer näher. Sollte sie bis dahin keine Arbeit oder Ausbildungsstelle haben, muss auch sie als Soldatin gegen die Lakelands kämpfen. Als dann auch noch ihr bester Freund Kilorn Warren seine Ausbildung verliert, weil sein Meister stirbt, versucht Mare dem Kriegsdienst mithilfe einer Schleuserin zu entkommen. Doch die 2000 Kronen, die sie dafür aufbringen soll, besitzt sie nicht. Also muss sie mit Taschendiebstahl versuchen, an dieses Vermögen zu kommen. Doch sie wird erwischt und am nächsten Tag in das Sonnenschloss in Summerton gebracht, wo sie feststellt, dass sie nicht irgendjemanden bestehlen wollte, sondern den Kronprinz höchstpersönlich. Anstatt jedoch die Todesstrafe zu erhalten, gibt man ihr eine Anstellung als Küchenkraft. Am königlichen Hof voller Intrigen darf Mare jedoch keine Fehler machen, denn sonst könnte sie ihr Leben verlieren.
Cover
Das Cover zeigt im Hintergrund das Gesicht einer jungen Frau, deren Blick nach unten gerichtet ist, sodass vor allem ihre langen Wimpern zur Geltung kommen. Die Fotografie ist verschwommen und grobkörnig. Darüber liegt ein Schleier aus einem rötlichen, transparenten Vorhang sowie ein helles Grau rechts. Erst als ich das Buch gelesen habe, wurde mir klar, dass der rote Schleier die Roten und der gräuliche Schleier die Silbernen symbolisieren soll. Im Vordergrund liegt noch eine silberne Krone, deren neun Spitzen abwechselnd Blätter und Dornen sind. Ich persönlich finde das Cover nicht schön und kann mir vorstellen, dass ich damit nicht alleine bin. Dennoch sollte es euch nicht davon abschrecken, der Reihe eine Chance zu geben.
Kritik
„Ich hasse Erste Freitage.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels. Kurz und knapp, aber doch inhaltsreich. „Ich“ ist an dieser Stelle die Protagonistin Mare Barrow, die ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive im Präsens erzählt. „Hassen“ ist ein starkes Wort, das bereits Mares Abneigung gegen die Welt zeigt, in der sie lebt. Besonders spannend ist aber „Erste Freitage“, da dies auf einen Eigennamen deutet, denn sonst wäre „Erste“ klein geschrieben. Damit wird also direkt eine Frage im Kopf des Lesers erzeugt: Was sind Erste Freitage? Tatsächlich ist es der jeweils erste Freitag im Monat, der in Mares Welt dadurch gekennzeichnet ist, dass fast alle Arbeiter mittags ihre Arbeit niederlegen, um einer Pflichtveranstaltung in der Arena beizuwohnen. Dabei gibt es eine Art Gladiatorenkämpfe, in denen Silberne ihre Macht demonstrieren. Nur Menschen mit silbernem Blut können in Mares Welt magische Fähigkeiten nutzen und so jene mit rotem Blut unterdrücken. Diese Ersten Freitage dienen also dazu, die Roten daran zu erinnern, dass sie immer Menschen zweiter Klasse bleiben werden. Mit fast genau 500 Seiten und 28 Kapiteln plus Epilog ist „Die rote Königin“ für mich gerade so noch ein dicker Schinken.
Die Protagonistin Mare Molly Barrow wird im Jahr 302 nach ihrer Zeitrechnung im Dorf Stilts als Tochter von Ruth und Daniel Barrow geboren. Sie ist das vierte Kind mit drei älteren Brüdern namens Shade, Bree und Tramy sowie der jüngsten Schwester Gisa. Zu Beginn des Buchs sind alle drei Brüder bereits im Kriegsdienst. Durch einen Zufall am königlichen Hof entdeckt Mare, dass sie eine sogenannte Neublüterin ist. Denn sie besitzt elektrometrische Fähigkeiten, kann also Blitze produzieren und schießen, obwohl sie rotes Blut hat. Damit hat sie die Position der Auserwählten, die mit bekannten Gesetzmäßigkeiten bricht und das bisherige Weltgefüge infrage stellt. Mare wird als kleine und zierliche 17-Jährige beschrieben, die braune Augen und Haare sowie eine sonnengebräunte Haut hat. Sie stammt aus armen Verhältnissen und ist dickköpfig, ehrgeizig sowie meistens ernst. Gleichzeitig ist sie aber auch noch leichtgläubig und naiv, weshalb sie die Intrigen am königlichen Hof nicht durchschaut und sich zu leicht manipulieren lässt. Ich denke, es wird Teil ihres Persönlichkeitswandels, die Motive ihrer Mitmenschen zu hinterfragen und sich nicht zur Marionette anderer instrumentalisieren zu lassen. Auch wenn sie für meinen Geschmack manchmal zu überstürzte und unüberlegte Entscheidungen trifft, ist sie im Kern definitiv sympathisch.
Aveyards Schreibstil ist, typisch für ein Jugendbuch, gradlinig und klar. Die Sprache ist modern und gerade durch die Ich-Erzählerin auch emotional. Besonders Metaphern werden hier gezielt eingesetzt, um das Klassensystem zu unterstreichen. So treten die Farben Rot und Silber auf, um die Welt zwischen Adel und Bürgertum bewusst zu kontrastieren. Das Tempo ist moderat, allerdings gibt es gerade im Mittelteil einige Längen. Die Spannung entsteht insbesondere in der zweiten Hälfte durch Enthüllungen, Machtkämpfe und Intrigen. Dabei ist die Atmosphäre trotz prunkvoller höfischer Kulisse oft düster, bedrohlich und geprägt von Ungerechtigkeiten. Die Zweiklassengesellschaft wird dabei eindrucksvoll beschrieben: „Das ist die wahre Trennungslinie zwischen Silbernen und Roten: die Farbe ihres Blutes. Dieser simple Unterschied macht sie aus irgendeinem Grund stärker, schlauer, besser als uns.“ (S. 18). Dabei wendet Aveyard einen geschickten Trick an: In der realen Welt haben alle Menschen rotes Blut und identifizieren sich als Leser dann wie selbstverständlich als Rote, die unter der Unterdrückung und Gewalt durch Silberne leiden. Man will genau wie Mare dieses System stürzen.
In Aveyards Welt gibt es verschiedene Arten von magischen Fähigkeiten: Nicht jeder Silberne kann zaubern und falls doch, immer nur in einem bestimmten Gebiet. So können Kopflenker bspw. Telekinese betreiben, Huscher sind übermenschlich schnelle Läufer oder Starkarme übernatürlich stark. Außerdem gibt es Nymphen, Grünfinger, Versteinerer, Flüsterer, Magnetore, Flammenkämpfer, Blutheiler, Einsinger, Schattengeher und viele mehr. Mare scheint mit ihren Fähigkeiten als Blitzwerferin aber einzigartig zu sein. Mir hat dieses Magiekonzept gut gefallen und ich hoffe, im nächsten Band noch mehr darüber zu lernen, z.B. woher die Energie für die Magie gezogen wird oder was passiert, wenn sie aufgebraucht ist.
Was mir besonders gut gefallen hat, ist das außergewöhnliche Worldbuilding. Trotz Magie als Fantasy-Element lebt Mare in einer technisch weit entwickelten Welt. Es gibt Strom, Kameras, Bewegungsmelder, Kühlschränke, Batterien, Fernseher, Autos, Motorräder, Flugzeuge, asphaltierte Straßen, Schusswaffen, Aufzüge und sogar futuristische Dinge wie einen Schutzschild aus Strom. Diese Mischung aus übernatürlichen Fähigkeiten in einer fortgeschrittenen Welt ist mir noch nie so untergekommen und hat dadurch etwas Neues sowie Erfrischendes. Insgesamt erinnert mich das höfische Setting mit Magie, Technologie und einer sich anbahnenden Rebellion an eine Fusion aus Die Tribute von Panem, Grisha sowie Selection.
Der Plottwist am Ende konnte mich wirklich überraschen, ist aber in sich völlig logisch. Zwischendurch habe ich immer wieder das Hörbuch, gelesen von Britta Steffenhagen genutzt. Es ist spannend gelesen und hat mir gut über die Längen im Mittelteil hinweg geholfen. Als der Verräter offenbart wird und dann die Handlung ihren Höhepunkt erreicht, ist mir wirklich kurz der Mund offen stehen geblieben. Gerade den Abschluss von „Die rote Königin“ finde ich also sehr gelungen.
Fazit
„Die rote Königin“ von Victoria Aveyard überzeugt vor allem durch ein originelles Worldbuilding, das gelungene Magiekonzept und die durchdachte Zweiklassengesellschaft, die die Leserschaft schnell auf die Seite der Unterdrückten zieht. Hier wird auf erfrischende Weise Fantasy mit Technologie verbunden. Die Protagonistin Mare ist trotz teilweise unüberlegter Entscheidungen insgesamt eine sympathische Figur mit Entwicklungspotenzial. Zwar weist die Handlung im Mittelteil einige Längen auf, aber der klare und gradlinige Schreibstil sowie der überraschende Plottwist am Ende runden das Leseerlebnis gelungen ab. Deswegen erhält der erste Band von Die Farben des Blutes von mir vier von fünf Federn. Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung „Gläsernes Schwert“ und werde es heute noch anfangen.

Hallo Lara
Wieder eine tolle Rezession.
Da bekommt man solche Lust das Buch zu lesen obwohl ich eigentlich gar nicht gerne Fantasy lese.
Es macht Spaß deine Rezessionen zu lesen.
LG Otti
Hallo Otti,
vielen Dank für das Lob! Es freut mich total, dass du gerne meine Kritiken liest 🙂 Und natürlich möchte ich meine Leser auch neugierig auf die Bücher machen, die ich lese.
Liebe Grüße!