Die Wut, die bleibt

12. Mai 2026 0 Von lara

Wir sind nicht wütend genug

Meine Mai-Rezension 2026


Im Rahmen eines Uni-Seminars über feministische Romane habe ich „Die Wut, die bleibt“ von Mareike Fallwickl gelesen. Tatsächlich kannte ich den Roman vorher nicht, obwohl er ein Bestseller war und in Österreich wochenlang auf Platz 1 der Liste stand. Das Buch aus dem Jahr 2022 wurde und wird zudem als Theaterstück aufgeführt, aktuell bspw. in Neuss, wo ihr es euch noch bis zum 18. Juni anschauen könnt. Es handelt von der Überlastung von Müttern während der Pandemie und kritisiert traditionelle Geschlechterrollen. Das mediale Echo des Romans war gemischt und auch im Seminar gab es teilweise Uneinigkeit darüber, ob er erschütternd und treffend oder einfach nur provokant und überspitzt ist.

Inhalt

Die 15-jährige Lola lebt mit ihrer Mutter Helene, ihrem Stiefvater Johannes und ihren jüngeren Halbbrüdern Maxi und Lucius in Salzburg in einer Wohnung im fünften Stock. Doch plötzlich und scheinbar grundlos steht Helene beim Abendbrot auf, tritt auf den Balkon und springt in den Tod. Für Lola bricht eine Welt zusammen und während Helenes Beerdigung stellt sie sich die Frage, was ihre Mutter in den Suizid getrieben hat. Dabei stößt sie auf die ungleichen Erwartungshaltungen, die Mädchen und Frauen in modernen Gesellschaften entgegen gebracht werden. Doch je mehr sich Lola mit Feminismus auseinandersetzt, umso radikaler werden ihre Ansichten. Und irgendwann fantasiert sie darüber, sich mit Gewalt an den Männern zu rächen, die Frauen das Leben täglich zur Hölle machen.

Cover

Das Cover besteht im Prinzip bloß aus einem bläulichen Hintergrund, darüber der schwarze Titel in Großbuchstaben. In Rot liegt darüber die Schrift des Titels, die immer wieder gebrochen und zersplittert erscheint. So hat das Cover zwar etwas Hartes, Brutales, aber ich persönlich mag es nicht, wenn das Cover im Kern nur aus Schriftzügen besteht und kein richtiges Motiv hat. Wenn ich das Buch nicht für die Uni hätte kaufen müssen, wäre mir dieses unscheinbare Cover wohl nie ins Auge gefallen.

Kritik

Haben wir kein Salz, sagt Johannes beim Abendessen, sagt es genau so: Haben wir kein Salz, und nicht einmal in Helenes Richtung.“, ist der erste Satz des Prologs, der es aber in sich hat. Denn so unbedeutend wie er anfangs wirkt, zeigt er direkt, wer den Mental Load im Haushalt und insbesondere in der Küche trägt. Helene versteht es als Appell oder Vorwurf: Hast du vergessen, Salz auf den Tisch zu stellen? Das Essen ist nicht ausreichend gesalzen oder: Hol mal das Salz! Das scheint der Tropfen zu sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Danach springt Helene vom Balkon. Dieser erste Satz wird im Verlauf des Romans stellenweise wiederholt. Denn er wirkt harmlos, aber wieso steht Johannes als erwachsener Mann nicht selbst auf und holt das Salz? Weil er nicht weiß, wo es steht? Oder weil er es nicht für seine Aufgabe hält, es zu holen? Dieser Satz wird zur Übersprungshandlung, die Helene in den Tod treibt und damit den Grundstein für den gesamten Roman legt. Erst ab dem ersten Kapitel beginnt Helenes Tochter Lola aus der personalen Perspektive im Präsens zu erzählen und wechselt sich dabei mit Helenes bester Freundin Sarah ab. Erst nach über 350 Seiten erzählt Helene abschließend den Epilog.

Eine der beiden Hauptfiguren ist die 15-jährige Lola, Helenes Tochter, die zwar gerade mitten in der Pubertät steckt, aber auch klug, belesen und reflektiert für ihr Alter ist. Sie hat dunkle Haare und nimmt nach Helenes Tod deutlich ab, weil sie aus Kummer keinen Appetit mehr hat. Ich konnte das gut nachempfinden, denn ich habe auch keinen Hunger, wenn es mir schlecht geht, während andere Menschen eher dazu neigen, sich einen Kummerspeck anzufressen. Diese körperliche Veränderung bleibt nicht lange ungesehen, und während Sarah sich eher Sorgen macht, dass Lola in einer Magersucht abrutschen könnte, erntet sie in der Schule eher anerkennende Blicke und Bewunderung. Parallel zu ihrem Körper macht Lola auch eine starke Charakterentwicklung durch. Zwar hat sie sich bereits vor Helenes Tod mit Feminismus beschäftigt. Nach einem Vorfall mit einer Gruppe von Jungen in einem Skatepark besucht sie dann mit ihrer besten Freundin Sunny einen Selbstverteidigungskurs für Frauen und lernt dort, im Zweifelsfall auch zuzuschlagen. Auch, wenn ich Lola auf ihre Art wirklich mochte, ist sie doch keine makellose Figur. Sie geht mit ihrer Aggression zu weit und ist auch Sarah gegenüber manchmal ungerecht. Aber darin liegt auch die Stärke beider Hauptfiguren: Sie machen Fehler. Als Leser verdreht man über beide gelegentlich die Augen. Weil Lola zu weit geht und Sarah nicht weit genug. Sie sind graue Figuren, doch gerade das lässt sie auch menschlich wirken.

Fallwickls Schreibstil ist einfach und zugänglich. Dabei variiert die Sprache je nach Erzählperspektive. Lola gendert, sogar das Wort „man“ wird zu „mensch“, und drückt sich jugendlicher aus als Sarah. Außerdem kommt sprachlich spürbar durch, dass die Autorin Österreicherin ist, da sie sich regelmäßig an dialektalen Worten wie „Tschick“ (S. 178), „Jause“ oder „Schwedenbomben“ (S. 78) bedient. Die Atmosphäre ist meist bedrückend, aber es gibt auch immer wieder unbeschwerte Momente, bspw. wenn Lola Zeit mit ihren Freundinnen verbringt. Zwar gibt es keinen klassischen Spannungsbogen, aber die Handlung spitzt sich doch zu, weshalb die Lektüre zu keinem Zeitpunkt langweilig war. Das Tempo ist perfekt ausbalanciert. Der Dialekt war für mich gewöhnungsbedürftig, stilistisch macht Fallwickl hier aber viel richtig.

Feminismus, Misogynie und Alltagssexismus sind Themen, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman ziehen. Seien es die Sexualisierung und Objektifizierung von Frauen; die Erwartungshaltung, dass sie Care-Arbeit und Mental Load selbstverständlich übernehmen oder als Mütter in die Teilzeitfalle geraten. Auch der Mythos vom Mutterinstinkt wird hier angesprochen: „Keiner von uns ist es angeboren, es gibt kein geheimes Wissen, das uns zu Müttern macht, keinen Genvorteil. Aber jeder erwartet von uns, dass wir ab der Sekunde der Geburt nie einen Fehler im Umgang mit einem Kind machen, weil wir angeblich einen Instinkt dafür haben.“ (S. 101f.). Manche Dinge werden nur kurz angerissen, aber das genügt, um ein umfassendes Bild von den alltäglichen Hürden des Frauseins zu bekommen. Allerdings rutscht Fallwickl bei ihrer Kritik an weiblichen Schönheitsidealen fast schon ins skinny shaming ab: „Schmal und zierlich zu sein, aber trotzdem mit ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmalen, wie geht das überhaupt?“ (S. 206). Glaubt mir, das geht! Einige Frauen haben da einfach gute Gene. Das bedeutet nicht, dass jede Frau so aussehen muss, um schön zu sein. Wir sollten das einseitige Schönheitsideal kritisieren, anstatt Frauen, die ihm entsprechen, als Unterstützerinnen der Unterdrückung zu inszenieren.

Insgesamt ist „Die Wut, die bleibt“ ein sehr ambivalenter Roman, der Stoff für lange Diskussionen bietet. So geht Lolas Radikalisierung in eine Selbstjustiz über, die Fragen über Gerechtigkeit aufwirft. Haben die Opfer das wirklich verdient? Oder sorgt die von Frauen erfahrene Ungerechtigkeit nur noch für mehr Ungerechtigkeit? Oder ist es doch der einzige Weg, um Täter zu bestrafen, die vom System geschützt werden? Sarah kümmert sich aufopferungsvoll um Helenes Söhne, trägt dabei aber gleichzeitig das patriarchale System mit. Sie tut es für die Kinder, aber vor allem für Helene. Und Johannes nutzt sie schamlos aus und verkriecht sich in seinem Job, anstatt nun mehr seine Vaterrolle einzunehmen. Er stellt keine Nanny ein und bezahlt Sarah nicht einmal, sondern fährt auch noch eiskalt auf Geschäftsreise. Grundsätzlich sind die Figuren in diesem Roman leicht überspitzt, um dabei narrative Funktionen zu erfüllen. Das macht sie stellenweise unrealistisch, auch wenn natürlich klar ist, dass Fallwickl mit ihnen ein Statement setzen will. Vor allem die zentralen männlichen Figuren sind ziemliche Versager. Ich habe mich immer wieder bei dem Gedanken erwischt, wieso sich Helene und Sarah solche Loser ans Bein gebunden haben. Mein persönlicher Rat an alle Frauen: Seid wählerisch bei eurer Partnerwahl und achtet insbesondere darauf, inwieweit sie auf Augenhöhe kommunizieren, wertschätzend sind und Ordnung halten können. Es ist noch keine Frau gestorben, weil sie nicht geheiratet hat. Aber es sind schon viele Frauen gestorben, weil sie den falschen Mann geheiratet haben.

Das Ende lässt viele Fragen offen, insbesondere bei Lolas Erzählstrang. So sehr ich die Intention auch respektiere, finde ich den Abschluss aber mindestens schief. Weshalb genau möchte ich aus Spoilergründen aber nicht verraten. Auch wenn ich die feministischen Aussagen in diesem Roman überwiegend unterstütze, gehen sie mir an manchen Stellen doch zu weit, Zum Beispiel, wenn Lola Sarah dafür kritisiert, dass sie als Krimiautorin häufig über weibliche Opfer schreibt: „Deine Bücher tragen zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem ein Femizid stets im Bereich des Möglichen liegt.“ (S. 147). Das ist aber zu kurz gedacht, denn Frauen sind häufig Opfer von männlichen Gewalttätern. Auf der anderen Seite sind Sarahs Täter höchstwahrscheinlich Männer. Legitimiert sie damit männliche Täter oder bildet sie damit nicht einfach bloß die traurige Realität ab? Sollte man über Femizide nicht mehr schreiben, obwohl sie fast jeden Tag in Deutschland stattfinden oder kann man als Autorin damit nicht auch auf Missstände aufmerksam machen? Genauso verhält es sich auch, als die männlichen Figuren Haushaltstätigkeiten übernehmen und geradezu süffisant kommentiert wird, dass sie jetzt auch noch ein „Danke“ erwarten. Also mein Verlobter bedankt sich fast immer bei mir, wenn ich einkaufen war, gekocht oder die Wäsche gemacht habe. Warum sollte ich mich dann nicht auch bei ihm bedanken, wenn er den Müll raus gebracht, die Spülmaschine ausgeräumt oder Staub gesaugt hat? Sollten wir nicht eher kritisieren, dass Männer sich nicht bei Frauen bedanken, anstatt diese kleine wertschätzende Geste zu belächeln? Ihr versteht hoffentlich, was ich meine, wenn ich sage, dass dieser lesenswerte Roman manchmal übers Ziel hinausschießt.

Fazit

Trotz kleinerer Schwächen hat mich „Die Wut, die bleibt“ überzeugt, weil Mareike Fallwickl unbequeme Fragen aufwirft und Themen wie Mental Load, Misogynie und weibliche Wut schonungslos sichtbar macht. Besonders gelungen sind die ambivalenten weiblichen Figuren, die menschlich wirken dürfen sowie perfekt abgestimmte Atmosphäre und Tempo. Gleichzeitig schießt der Roman an manchen Stellen über sein Ziel hinaus: Einige Aussagen wirken zu pauschal, die männlichen Figuren sehr eindimensional, wodurch der Eindruck entsteht, dass Fallwickl hier narrativ mit der Holzhammer-Methode vorgeht und die Handlung latent überspitzt. Dennoch bleibt der feministische Roman aus dem Jahr 2022 im Kopf, regt zum Nachdenken oder Diskutieren an und entfaltet so seine größte Stärke. Deswegen gebe ich dem Buch 4 und 5 Federn und empfehle ihn insbesondere männlichen Lesern. Trotz meines positiven Eindrucks werde ich in Zukunft aber eher keine Bücher mehr von Mareike Fallwickl lesen.