Das Gegenteil von Einsamkeit

Literarische Perle oder Ausschlachtung einer Tragödie?
Meine Oktober-Rezension 2026
Das Motto für die Lesechallenge im September lautete: „Lies ein Debüt eines oder einer Autor*in“. Dafür habe ich mir „Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan ausgesucht. Die Sammlung an Kurzgeschichten und Essays ist nicht nur ihr Debüt, sondern leider auch ihr einziges Werk. Denn Marina starb im Mai 2012 mit gerade einmal 22 Jahren bei einem Autounfall, nur wenige Tage nach ihrem Abschluss an der Yale Universität. Ihre Abschlussrede über das Gegenteil von Einsamkeit ging erst nach ihrem Tod viral und berührte zahllose Menschen. Ihr Buch, das 2015 posthum erschien, gehört zu Emma Watsons Lieblingsbüchern. Es gibt jedoch auch kritische Stimmen: Marinas Kurzgeschichten und Essays waren möglicherweise noch nicht fertig. Einer Veröffentlichung konnte sie nicht mehr zustimmen. Außerdem wurde das Buch stark mit ihrem frühen Tod vermarktet, weshalb kritisiert wurde, dass eine persönliche Tragödie hier finanziell ausgeschlachtet wird. Somit tut sich die Frage auf, ob dieses Buch eine literarische Perle ist oder doch nur der Versuch, aus einem Todesfall Geld zu machen.
Inhalt
„Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, aber wenn es eins gäbe, könnte ich sagen, genau das will ich im Leben.“, ist der erste Satz von Marina Keegans Abschlussrede in Yale 2012. Nur fünf Tage später ist sie tot. Auf dem Weg zum 55. Geburtstag ihres Vaters Kevin in Cape Cod schläft ihr Freund am Steuer ein. Ihre Eltern erwarteten sie mit Hummer und Erdbeerkuchen. Doch Marina wird nie bei ihnen ankommen. Während Marinas Tod noch am Unfallort festgestellt wird, bleibt ihr Freund unverletzt. Marina hinterlässt Texte, die sich mit unterschiedlichen Erfahrungen und Fragen des jungen Erwachsenenlebens auseinandersetzen. Dabei thematisiert sie unter anderem Freundschaft, Liebe, Beziehungen, Studium, Arbeit, Zukunftsängste und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Wenn sie davon schreibt, wie viel Zeit ihr noch bleibt, liest sich das nun schmerzhaft ironisch. „Das Gegenteil von Einsamkeit“ soll seine Leserschaft dazu ermutigen, jeden Tag ihr Bestes zu geben, die Welt ein wenig zu verbessern und jeden Tag zu genießen. Denn wir wissen alle nicht, welcher unser letzter sein wird.
Cover
Das Cover zeigt ein Hochkant-Foto von Marina. Ihre Dozentin beschreibt sie treffend als „Dünn. Schön. Langes, rötlich braunes Haar. Lange Beine. Schamlos kurzer Rock.“ (S. 11). Und auch der weiße Rock mit dem floralen Muster, den sie hier trägt, ist auffällig kurz. Darüber trägt sie ein weißes Oversize-Sweatshirt und darüber eine knallgelbe Stoffjacke mit Reißverschluss und aufgenähten Dekoknöpfen. Im verschwommenen Hintergrund erkennt man einen gepflasterten Weg, der von Bäumen und Laternen gesäumt wird. Vermutlich ist Marina hier in einem Park oder auf dem Universitätsgelände. Hinter ihr sieht man schemenhaft eine Frau mit langen, schwarzen Haaren und Skinny Jeans. Marina lächelt vorsichtig, während ihre blauen Augen die Kameralinse durchbohren. Es ist zwar nur ein Foto, aber Marina wirkt darauf unheimlich sympathisch. Wäre sie meine Kommilitonin gewesen, hätte ich bestimmt versucht, mich mit ihr anzufreunden.
Kritik
„Am 10. November 2010 sah ich Marina Keegan zum ersten Mal.“, ist der erste Satz der Einleitung, die von Marinas ehemaliger Dozentin Anne Fadiman geschrieben wurde. Sie erzählt, dass sie den Autoren Mark Helprin für eine Gastlesung in Yale zu Besuch hatte. Dort sagte er, dass es heutzutage quasi unmöglich sei, als Autor den Durchbruch zu schaffen. Daraufhin stand eine Studentin auf: Marina fragte den Schriftsteller einigermaßen wütend, ob diese Aussage sein Ernst sei. Laut Fadiman habe Marina hier den Mut gehabt, das auszusprechen, was alle anderen dachten. Grundsätzlich wird sie nicht müde zu betonen, was für ein Ausnahmetalent Marina war, dass sie unbedingt Schriftstellerin werden wollte und dass ihr das gewiss gelungen wäre, wäre sie nicht so jung verstorben. Auf den verbleibenden der fast 300 Seiten folgen Marinas Abschlussrede, dann neun Kurzgeschichten und anschließend neun Essays von ihr.
Wenn Marina schreibt, dass es kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit gibt, klingt das erst einmal nach einer scharfen Beobachtungsgabe. Über diesen Satz habe ich wirklich lange nachgedacht und bin zu zwei Erkenntnissen gekommen. Erstens: Es gibt einige Substantive, die Gefühle oder Erfahrungen beschreiben, die keinen Gegenspieler haben, z.B. Eifersucht, Nostalgie oder Sehnsucht. Zweitens: Wenn man es genau nimmt, gibt es sehr wohl ein Begriff für das Gegenteil von Einsamkeit, nämlich Zugehörigkeit. Denn Einsamkeit ist ein Gefühl. Man kann unter Menschen, also nicht alleine, aber trotzdem einsam sein. Zugehörigkeit beschreibt exakt das gegenteilige Gefühl: Man kann alleine sein, aber sich trotzdem verstanden und angenommen fühlen. Zugehörigkeit fasst Verbindung und Gemeinschaft zusammen und ist damit der perfekte Gegenbegriff zu Einsamkeit. Übrigens funktioniert das auch auf Englisch, Marinas Muttersprache: loneliness ↔ belonging. Und das Ironische ist, dass Marina das Wort „Zugehörigkeit“ (S.27) sogar in ihrer Rede verwendet, aber in einem anderen Kontext. Dabei war dies doch genau das Wort, nach dem sie gesucht hat.
Ihre Kurzgeschichten sind ebenfalls von unterschiedlicher Qualität. Manche von ihnen haben mir wirklich gut gefallen, z.B. „Kalte Idylle“, „Winterferien“ oder „Sei gegrüßt, du Begnadete“. Andere sind wiederum verwirrend, ungeschliffen oder spürbar unvollständig, wie „Gepäckausgabe“, „Vorlesen“ oder „Sklerotherapie“. In „Die Naive“ geht es um eine junge Frau, die mit einem Theaterschauspieler zusammen ist. Dabei ist die ganze Figurenkonstellation schräg, die Dialoge sprunghaft und das Verhalten der Figuren mindestens unsympathisch bis nicht nachvollziehbar. In „Kalte Idylle“ stirbt die Situationship der Protagonistin Claire als junger Collegestudent. Jedoch heißt es erst, es sei ein „Unfall“ (S. 40) gewesen, später ist die Rede von einem „Aneurysma“ (S. 43). Diese Inkonsistenz zeigt, dass Marinas Kurzgeschichten unter normalen Umständen nicht in dieser Form erschienen wären. Ironisch genug, dass eine Studentin, die bei einem Autounfall gestorben ist, hier von einem Studenten schreibt, der wahrscheinlich bei einem Unfall gestorben ist. Auch manche Formulierungen, wie: „Da war ein Mensch, dessen […] Penis ich in der Nacht zuvor geküsst hatte, und diesen Menschen gab es nicht mehr.“ (S. 38), machen eigentlich traurige Szenen unfreiwillig komisch. Also ja, Marina hatte großes Potenzial. Leider merkt man jedoch den Kurzgeschichten an, dass hier zum Teil nackte Entwürfe veröffentlicht wurden.
Deutlich besser sind dagegen ihre Essays. Vor allem „Warum wir uns um Wale kümmern“, „Aufs Korn genommen“ und „Song for the Special“ haben Tiefgang und Charme gleichermaßen. Alle neun Essays habe ich innerhalb eines Tages verschlungen, einfach weil sie so gut waren. Man lernt darin sehr viel über Marina. Dass sie den alten Toyota ihrer Oma gefahren hat, den sie innerhalb von zwei Jahren quasi zugemüllt hat. Dass sie Zöliakie hatte und als Kind eine Not-OP brauchte. Und dass sie in der Uni ein paar Biologie-Vorlesungen besucht hatte. Allerdings gibt es auch ein paar Dinge, die Marina wohl eher indirekt über sich verraten hat. In ihren Kurzgeschichten merkt man eine starke Affinität zu Boston und Cape Cod, zur Schauspielerei sowie nicht zuletzt auch zum Drogenkonsum. Ich wette mit euch: Marina hat nicht selten gekifft und mindestens einmal Kokain probiert. Außerdem schien sie sehr fixiert darauf gewesen zu sein, dünn zu bleiben, was ohnehin durch ihre Zöliakie begünstigt wurde. Einer ihrer Protagonistinnen merkt man zudem ein Überlegenheitsgefühl gegenüber weniger schlanken Frauen an. Man lernt Marina also definitiv besser kennen, auch ihre unschönen Seiten.
Besonders gelungen ist die ungekürzte Hörbuchfassung, gelesen von Eva Meckbach, die Marinas Texte perfekt vertont hat. Ihr früher Tod sorgt natürlich auch dafür, dass manche Passagen anders interpretiert werden, als von ihr beabsichtigt war. In „Song for the Special“ schreibt sie: „Ich bin so neidisch. Lachhaft neidisch. Neidisch auf jeden, der vielleicht die Gelegenheit hat, aus dem Grab heraus zu sprechen.“ (S. 280). Dass sie selbst einmal zu jenen gehören würde, die posthum berühmt wird und zu den allermeisten von uns aus ihrem Grab spricht, hätte sie selbst wohl nie geahnt. Ihren tiefen Wunsch, Autorin zu werden, spürt man jedoch auf jeder Seite. Deswegen bin ich am Ende überzeugt davon, dass die Veröffentlichung dieses Buches auch in ihrem Interesse gewesen wäre.
Fazit
„Das Gegenteil von Einsamkeit“ ist weder eine literarische Perle noch die reine finanzielle Ausschlachtung einer jungen Frau, die tragisch gestorben ist. Marina Keegan wird als Ausnahmetalent vermarktet, aber das ist leider etwas übertrieben. Denn es gibt sehr wohl ein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, und damit fällt ausgerechnet der Aufhänger in sich zusammen, auf dem das Buch aufbaut. Auch die Kurzgeschichten können das Versprechen eines großen literarischen Geistes nur teilweise halten, da sie streckenweise wie das erscheinen, was sie sind: unfertige Entwürfe, die Marina nie beenden konnte. Vor allem die Essays zeigen aber das Potenzial, das in der jungen Studentin steckte. Dennoch muss man mit einer zurückhaltenderen Erwartung herangehen, denn der Buchrücken verspricht wirklich das Blaue vom Himmel. Dass ohne ihren Tod das Buch in der Form nie erschienen wäre, ist nicht von der Hand zu weisen. Insgesamt ist diese Textsammlung trotz kleinerer Unstimmigkeiten lesenswert und sehr inspirierend. Marina war klug, witzig und hatte originelle Gedanken. Ihr Tod mit nur 22 Jahren war tragisch. Vielleicht werden ihre Texte posthum etwas zu stark glorifiziert, aber allein, um Marina nicht zu vergessen, ist ihr einziges Werk trotzdem eine lohnenswerte Lektüre. Deswegen gibt es von mir gerade noch vier von fünf Federn.

Hey Lara
So cool wieder deine Revision.
Du solltest für einen Verlag arbeiten.
So viel Potential wir du hast.
Macht so Bock das Buch sofort zu kaufen und zu lesen.
LG von deinem größten Fan