Fangirl

16. August 2026 0 Von lara

Ein ungleiches Zwillingspaar

Meine zweite August-Rezension 2026


Das Motto für die Lesechallenge im Juni lautete: „Lies ein Buch aus dem Sports-Romance-Bereich“. Das war für mich die schwierigste Challenge, denn ich habe auf meinem SuB kein einziges Buch, das dazu passen würde. Also habe ich @annalenaslibrary gefragt, ob normale Romance auch in Ordnung wäre, und sie meinte: „Klar, kein Problem!“ Dann kamen mir allerdings die Hochzeit, Abgaben für die Uni und die Flitterwochen in die Quere. Und so war es bereits August, bis ich „Fangirl“ von Rainbow Rowell gelesen und rezensiert hatte. In dem Jugendbuch aus dem Jahr 2017 geht es um eine Teenagerin, die ans College kommt und dort zwei junge Männer kennenlernt, sich aber nicht wirklich für einen entscheiden kann.

Inhalt

Die Zwillinge Cath und Wren Avery sind 17 Jahre alt, als sie im Jahr 2011 in ein Wohnheim an der University of Nebraska in Lincoln ziehen. Cath freut sich schon, mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester ein Zimmer zu beziehen und dort gemeinsam an Fanfictions über den Zauberschüler Simon Snow zu schreiben, doch Wren hat andere Pläne: Sie will sich lieber mit ihrer Freundin Courtney ein Zimmer teilen und das Studentenleben mit Alkohol und Partys genießen. Cath ist enttäuscht und auch etwas überfordert mit ihrer neuen Mitbewohnerin Reagan. Doch dann lernt sie erst Reagans besten Freund Levi und später in einem Seminar Nick kennen, mit denen Cath sich schnell anfreundet. Obwohl sie zuhause in Omaha eigentlich einen Freund hat, mit dem sie schon drei Jahre zusammen ist, merkt sie hier zum ersten Mal, dass romantischen Momente nicht nur in ihren Fanfictions stattfinden können.

Cover

Das Cover zeigt eine minimalistische und kleine Zeichnung der Protagonistin Cath, die ihre braunen Haare hochgesteckt hat, eine Brille, eine blassrosa Jeans und einen gelben Cardigan trägt. Sie sitzt im Profil auf dem a des Titels „Fangirl“ und tippt an einem Laptop, auf dessen Monitor „ROMAN“ zu lesen ist. Über ihrem Kopf schwebt eine Gedankenblase, in der zwei Junge Männer sich gegenseitig anschmachten, die von drei kleinen Herzen umrahmt sind. Vermutlich sind dies Simon und Baz, zwei fiktive Figuren aus ihren liebsten Buchreihe, die sie in ihren Fanfictions shippt. Mit dem Ellbogen auf das F gestützt steht ein junger Mann in einem rotkarierten Holzfällerhemd und und brauner Skinny Jeans, der zu Cath schaut. Dem Aussehen nach ist es Levi, der beste Freund von Caths Mitbewohnerin. Aus seinem Mund dringt eine Sprechblase: „Hey, Cath… Cath… Cath?“ Offensichtlich misslingt es ihm, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, denn sie ist in ihren Schreibprozess vertieft. Das Cover ist übrigens identisch mit dem amerikanischen, der einzige Unterschied ist der pinke Längsstreifen auf der linken Seite, der den ansonsten hellgrünen Hintergrund überdeckt.

Kritik

Simon Snow ist eine Reihe von sieben Fantasybüchern, geschrieben von der englischen Literaturwissenschaftlerin Gemma T. Leslie.“, ist der erste volle Satz des Prologs. Es ist ein fiktiver Ausschnitt aus einem Wikipedia-Artikel, der über Caths größtes Fandom aufklärt. Die Parallelen zu Harry Potter sind dabei unübersehbar: Die Geschichte eines „elfjährigen Waisenjungen […], der die Watford School of Magicks besucht“ (S. 7) und als „die größte literarische Kinderfigur seit Huckleberry Finn“ (S. 7) gefeiert wird, macht es eindeutig. Die Buchreihe besteht aus sieben Bänden, die allesamt mit „Simon Snow und…“ beginnen, und auch die morphologische Ähnlichkeit des Namens der fiktiven Autorin zu Joanne K. Rowling ist leicht erkennbar. Auf über 450 Seiten, in denen man Cath im Präteritum und der personalen Perspektive verfolgt, gibt es an fast jedem Ende der insgesamt 38 Kapitel kurze Auszüge entweder aus Simon Snow oder aus einer Fanfiction, die sie unter dem Pseudonym Magicath veröffentlicht.

Cath ist im Vergleich zu ihrer Zwillingsschwester ganz klar das Mauerblümchen: Während Wren sich schminkt, Cocktailkleider anzieht und auf High Heels zur nächsten Party geht, sitzt Cath an Wochenenden lieber alleine an ihrem Laptop und schreibt an ihren Fanfictions. Sie ist introvertiert, schüchtern und vielleicht etwas einzelgängerisch. Sie fühlt sich in Menschenmengen unwohl und meidet, wenn möglich, soziale Kontakte. Dennoch ist sie sensibel. loyal und empathisch. Sie lebt nur einfach gerne ihre Kreativität und ihr schriftstellerisches Talent aus. Mit der Zeit holen ihre Mitbewohnerin und Freunde sie aus ihrem Schneckenhaus. Teil ihrer Charakterentwicklung ist es, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und offener mit ihren Gefühlen umzugehen. Obwohl ich ihre Passion für Fanfictions doch etwas schräg fand (sie schreibt JEDEN Abend ein Kapitel über den Protagonisten und seinen Rivalen und macht die beiden schwul), ist sie im Kern doch sympathisch und liebenswürdig. Obwohl sie ein großer Fan von Kayne West ist, igitt!

Rowell schreibt lockern, modern, aber für meinen Geschmack manchmal doch etwas schief. Zudem sind manche Vergleiche hier irgendwie merkwürdig krude. Wenn sie beschreibt, dass Nicks Lippen „die gleiche Farbe wie seine Mundhöhle“ (S. 90) hatte, ist das unfreiwillig ekelig. Auch dass vermutlich Hey, whatever mit „Hey, was immer“ (S. 93) übersetzt wird, ist doch recht unglücklich. Über „Sie saß im Magazin“ (S. 108) bin ich bspw. auch gestolpert: Magazin wie Zeitschrift? Magazin wie Waffenvorrichtung? Trotz der einfachen, klaren und jugendlichen Sprache war ich hier also nicht immer zu 100% überzeugt. Das Erzähltempo ist mittelmäßig bis ruhig, sodass sich mehr Zeit für Dialoge und Figurenentwicklung genommen wird. Auch die warme und gefühlvolle Atmosphäre des Uni-Campus im Herbstsemester 2011 ist sehr gelungen. Wenn Rowell beschreibt, wie Cath in der Bibliothek an ihren Aufsätzen schreibt oder mit ihren Freunden am Wochenende Fajitas essen geht, hat das etwas wahnsinnig Gemütliches. Zwar habe ich am Anfang etwas gebraucht, um mich mit den ganzen Figuren und der Universität in Nebraska zurechtzufinden, irgendwann hat sich dann trotz kleinerer Patzer, wie „Weil wir am Gehen sind“ (S. 128), ein Lesefluss entwickelt.

Was mir dagegen besonders gut gefallen hat, war die Darstellung der verschiedenen familiären Probleme, mit denen Cath sich rumschlagen muss. Zuerst wäre da ihr bipolarer Vater, der nach manischen Phasen in Depressionen verfällt. Cath muss ihn immer wieder auffangen und schon früh Verantwortung übernehmen, denn ihr Vater war alleinerziehend, seit Cath sieben Jahre alt war. Dass ihre Mutter Laura, zu der sie jahrelang keinen Kontakt hatte, nun plötzlich wieder in Caths Leben auftaucht und Zeit mit ihr verbringen will, überfordert sie zusätzlich. Außerdem gerät Cath in einen Konflikt mit ihrer Zwillingsschwester, mit der sie früher eng verbunden war. Egal, ob Bipolarität oder Alkoholmissbrauch, die psychischen Probleme der Figuren werden sehr feinfühlig behandelt und verleihen ihnen Tiefe. Damit geht der Plot auch über eine einfache Teenager-Romanze und macht dieses Buch deutlich lesenswerter. Besonders Art, den psychisch kranken, aber schrägen und humorvollen Vater habe ich ganz besonders in mein Leserherz geschlossen!

Das Ende ist nicht sonderlich spektakulär und lässt auch einige Fragen offen, aber insgesamt ist der Plot wirklich gut zu einem sauberen Schluss geführt worden. Als ich das Buch spät nachts zugeschlagen habe, war ich etwas traurig, dass mein Leseleben auf dem Campus in Nebraska nun vorbei ist. Übrigens wird „Fangirl“ inzwischen leider nicht mehr verlegt. Wenn ihr es euch kaufen wollt, könnt ihr es also nur noch gebraucht machen. Oder ihr legt euch die vierteilige sogenannte Manga-Adaption vom Carlsen Verlag zu. Wobei der Verlag die Comics zwar als „Manga in westlicher Leserichtung“ bezeichnet, es per Definition aber kein Manga ist. Denn Manga sind streng genommen ausschließlich die aus Japan stammenden Comics, die typischerweise von rechts nach links gelesen werden. Hier kommt aber weder die Story, noch die Illustratorin aus Japan und zu allem Überfluss werden die Bände auch noch von links nach rechts gelesen. Es ist also vielmehr ein Comic als ein Manga, aber wahrscheinlich springt der Verlag einfach gedankenverloren auf den Zug auf, ohne überhaupt einen echten Manga zu bieten.

Fazit

Insgesamt hat mir „Fangirl“ von Rainbow Rowell trotz einiger Schwächen gut gefallen. Besonders die warmherzige Campus-Atmosphäre, die schrägen, aber bemerkenswerten Figuren und vor allem die feinfühlige Darstellung familiärer und psychischer Probleme machen dieses Jugendbuch vielschichtiger, als es die Fanfiction-Thematik anfangs vermuten lässt. An die Protagonistin Cath muss man sich anfangs vielleicht etwas gewöhnen, sie entwickelt sich jedoch positiv und glaubwürdig. Gleichzeitig ist Rowells Schreibstil zwischenzeitlich holprig und die mäßige Übersetzung trägt ihr Übriges dazu bei. Das ist mir schon bei „Eleanor & Park“ aufgefallen und leider gibt es auch hier wieder einige unglückliche Formulierungen. Dass Cath Fanfictions über Harry Potter schreibt, er vermutlich aus Copyright-Gründen aber hier zu Simon Snow wird, ist auch etwas gewöhnungsbedürftig (wir haben alle verstanden, dass Cath eigentlich Harry und Draco shippt). Hinzu kommt, dass die im Klappentext erwähnte Dreiecksbeziehung zwischen Cath, Levi und Nick nur ganz kurz Thema ist und eigentlich schon durch das Cover deutlich wird, für wen sie sich letztendlich entscheidet. Das Ende bleibt einigermaßen offen und lässt manche Fragen einfach unbeantwortet. Erwartungshaltungen könnten also gebrochen werden. Kurzum, das Buch aus dem Jahr 2017 ist trotz Makel gut, und wenn ihr es gebraucht für einen schmalen Taler bekommt, macht ihr damit nichts falsch! Deswegen bekommt „Fangirl“ von mir drei von fünf Federn. Da mich Rowell vor allem stilistisch nicht ganz überzeugen konnte, werde ich in Zukunft aber keine weiteren Bücher mehr von ihr lesen.

Ihr braucht eine Zweitmeinung? Lea von „Liberiarium“ hat ebenfalls eine lesenswerte Rezension über dieses Buch geschrieben:
Liberiarium: Fangirl