Issa

Eine Schwangere in Kamerun
Meine August-Rezension 2026
Dieses Mal habe ich tatsächlich das Buch für die Lesechallenge im Juli vor dem für den Juni beendet. Das Motto lautete: „Lies ein Buch, auf dessen Cover eine Person abgebildet ist“. Hier konnte ich direkt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn „Issa“ von Mirrianne Mahn war gleichzeitig der dritte und letzte Roman, den ich für mein Literaturseminar im Sommersemester lesen musste. Auch wenn sich das Seminar mit feministischen Roman befasst, ist dies gleichermaßen ein Familienroman. Es ist zwar nicht die Biografie der Autorin, aber doch stark von ihrem Leben als deutsche Frau mit kamerunischen Wurzeln geprägt. Der Roman erschien 2024 und war für den Debütpreis der LitCologne nominiert.
Inhalt
Als die 21-jährige Issa ungewollt schwanger wird, lässt sie sich von ihrer Mutter dazu überreden, in ihrem Geburtsland Kamerun mehrere Wochen lang an Ritualen teilzunehmen, um den reibungslosen Verlauf der Schwangerschaft sowie die Gesundheit des Kindes zu gewährleisten. Widerwillig fliegt sie also nach Afrika zu ihren Omas, um dem Gezeter ihrer Mutter und den Konflikten mit ihrem Freund zu entgehen. Dass sie dort ungeahnt ihre Wurzeln und die Verbindung zu ihren Ahninnen wiederfindet, hätte sie allerdings nicht gedacht. Sie erfährt mehr über ihre Mutter Ayudele, ihre Großmutter Namondo und sogar ihre Urgroßmutter Marijoh, deren Geschichten auch Issas Leben nachhaltig verändern werden.
Cover
Dem Motto entsprechend ist auf einem hellblauen Hintergrund eine schwarze Frau mit vollen, pinken Lippen und einem üppigen Afro zu sehen. Ihr Gesicht ist ausdruckslos, während sie den Betrachter direkt anschaut. Sie trägt ein blaues Shirt mit hohem V-Ausschnitt. Unter ihren Augen sind zwei schwarze, vertikale Linien auf ihre Wangen gezeichnet. Vermutlich handelt es sich bei dieser illustrierten Frau um die Protagonistin und Titelgeberin Issa. Ich finde das Cover zwar treffend, aber wirklich vielschichtig ist es nicht, weshalb es in der Buchhandlung ein wenig untergehen könnte.
Kritik
„Morgenübelkeit.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels, der gleichzeitig nur aus einem Wort besteht. Morgenübelkeit ist ein klassisches Schwangerschaftssymptom, und so wird direkt auf die Schwangerschaft der Protagonistin verwiesen, die der Grund für die Reise ist, die dieser Roman erzählerisch erfasst. In den nicht nummerierten Kapitel wechselt sich Issa mit einer ihrer Vorfahren ab: Enanga, Marijoh, Namondo oder Ayudele. Während Issa ihren Strang aus der Ich-Perspektive im Präsens erzählt, sind es bei den anderen Frauen personale Erzähler im Präteritum. Auf weniger als 300 Seiten erstrecken sich so 15 Kapitel plus ein Epilog. Im Fokus steht aber ganz klar Issa, die in Kamerun geboren und in Deutschland aufgewachsen ist, weshalb sie mit ihrer Identität hadert und in beiden Ländern als eine Fremde wahrgenommen wird. Ihr Onkel nennt sie scherzhaft „Kokosnuss“, weil sie außen schwarz und innen weiß sei. Dabei handelt das erste Kapitel von Issas Flug nach Kamerun und der Verunsicherung, was sie genau in diesem Land eigentlich verloren hat.
Issa ist eine junge, schwarze und schwangere Frau, die eigentlich einen Afro hat, zu Beginn ihre Haare aber in Cornrows trägt. Sie hat außerdem eine Zahnlücke zwischen den beiden oberen Schneidezähnen. Abgesehen davon wird sie körperlich aber nicht näher beschrieben. Spannender ist hier ihre Persönlichkeit: Sie wirkt zunächst selbstbewusst, bspw. als sie sich mit dem Besitzer eines Internetcafés anlegt, ist aber gleichzeitig unsicher und innerlich zerrissen. Nicht nur in Bezug auf ihre kulturelle und familiäre Identität, auch wenn es um die Beziehung zu ihrem Partner geht, den ihre Freundin Janina scherzhaft als „Zwerg“ bezeichnet, zeigen sich ihre Sorgen. Sie überlegt, sich von ihm zu trennen, weil sie sich zuletzt viel gestritten haben. Andererseits hat sie Angst davor, eine alleinerziehende Mutter zu sein. Issa ist nachdenklich, unabhängig, aber auch skeptisch gegenüber der Reise, zu der sie sich gedrängt fühlt. Auch wenn ich Issas Entscheidungen und Handlungen nicht immer nachvollziehen konnte, ist sie doch eine selbstreflektierte und mutige Protagonistin, die eine nachvollziehbare Entwicklung durchmacht.
„Issa“ ist Mahns Debüt und bislang einziger Roman, und leider merkt man das ein wenig. Der Schreibstil ist modern, nüchtern und manchmal so distanziert, dass er sich liest wie eine Inhaltsangabe oder ein Zeitungsartikel. Hier kommen die Emotionen leider zu kurz. Es gab eine Stelle, die mich durchaus berühren konnte, aber die einfache, schnoddrige und gefühlskalte Sprache baut eine emotionale Mauer zwischen Leserschaft und Figuren auf. Interessant ist, dass die Sprache hier selbst zum Thema wird. So soll Issa vor kamerunischen Händlern bestenfalls den Mund halten, weil sonst auffällt, dass sie keine Einheimische ist. Am Ende des Buches findet sich zudem ein Glossar mit Übersetzungen von Pidgin ins Deutsche, aber leider nur unvollständig. So wird bspw. erklärt, dass Sista „Schwester“ bedeutet (da wäre ich alleine nie drauf gekommen), aber was „Mgbuanato“ (S. 194) heißt, das steht da natürlich nicht. Das Tempo ist normal bis rasant, denn es wird hier eine ganze Familiengeschichte auf relativ wenigen Seiten erzählt. Die Atmosphäre schwankt zwischen bunten und schönen Momenten, die von Liebe, gutem Essen und Hilfsbereitschaft geprägt ist, sowie dunklen Themen wie Kolonialismus, Gewalt, Krieg, Rassismus, Missbrauch, Kindsmord, Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Zwangsheirat. Der Schwachpunkt bleibt aber leider der Schreibstil. Besonders oft bin ich über den Ausdruck „Sie küsste ihre Zähne“ gestolpert, und ich frage mich immer noch, wie man die eigenen Zähne küssen kann? Meint Mahn damit „die Lippen schürzen“? Und falls ja, warum schreibt sie das nicht einfach so? Ich dachte auch erst, das sei eine Redewendung, die ich nicht kenne, aber auch bei READO sorgte die wiederholte Floskel für Verwirrung. Also liegt’s wohl doch mehr an diesem Buch als an mir.
Auch im Seminar wurde „Issa“ sehr kontrovers diskutiert. Einige sagten, es sei eine gelungene Abwechslung zu den anderen feministischen Romanen, die wir bereits gelesen haben. Andere meinten, dass dieses Buch mit seinen zahllosen Figuren und der nüchternen Beschreibung von sexueller Misshandlung ziellos und anstrengend wirkt. Und auch ich muss sagen, dass „Issa“ keine schlechte Lektüre, aber im Vegleich zu „Die Wut, die bleibt“ oder „Miroloi“ das schwächste Buch des Seminars ist. Zum Glück habe ich das Hörbuch, gelesen von der Autorin, auf Spotify gefunden. Das hat es mir stark erleichtert, den Familienroman fristgerecht zu beenden. Eine spannende Frage im Seminar war auch, inwiefern „Issa“ feministisch ist. Meine Antwort: Schon daran, dass ausschließlich Frauen hier Erzählerinnen sind, die ihre Geschichten allein in der maternalen Linie erzählen, ist klar erkennbar, dass dieses Buch feministisch ist. Es wird sich erzählerisch deutlich stärker für das Leben der Frauen als das der Männer interessiert. Und jede dieser Frauen erlebt Unterdrückung durch das Patriarchat. Fast alle Frauen werden von ihren Ehemännern geschlagen. So wird Ihanna von ihrem Mann Keke verprügelt, obwohl sie schwanger ist, weil sie sich für ihre Tochter Enanga eingesetzt hat. Wenig später hat Ihanna eine Fehlgeburt und stirbt an dessen Folgen, wobei unklar bleibt, ob das Ungeborene durch Kekes Gewalt im Mutterleib verstorben ist. Enanga wird als Minderjährige von einem deutschen Kolonialisten vergewaltigt und geschwängert, als sie gerade einmal zwölf Jahre alt ist. Jede dieser Frauen ist Opfer patriarchaler und kolonialer Unterdrückung. Dabei liegt der größte Schwachpunkt des feministischen Ansatzes darin, dass die Erzählerinnen sich nur selten aktiv gegen die zugrunde liegenden Machtstrukturen auflehnen. Sie überleben, indem sie sich anpassen. So lernt Marijoh bspw. von einer anderen Ehefrau ihres Mannes Molonge, Kokosöl zu nutzen, damit die Vergewaltigungen durch ihn weniger schmerzhaft sind. Es gibt stille Formen von Widerstand, aber ein offen organisierter Aufstand bleibt aus. Diese Frauen tragen das System mit, auch weil ihre Möglichkeiten zur Wehrhaftigkeit limitiert sind. Während die Protagonistinnen in den anderen Romanen also patriarchale Strukturen hinterfragen und durchbrechen, wirken die Frauen hier eher wie passive Opfer, die nichts verändern. Dadurch kann der Leserschaft das ernüchternde Gefühl vermittelt werden, dass es Frauen niemals gelingen wird, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu beeinflussen, weil sie mit verklärten Traditionen verknüpft sind.
Das Ende hält dann noch eine schräge Szene bereit, zu der ich gar keinen Bezug finden konnte. Grundsätzlich ist es mir teilweise schwer gefallen, mit der afrikanischen Kultur, wie sie hier dargestellt wird, zu sympathisieren. Zwar vermittelt Issa ein grundsätzlich positives Bild von Kamerun mit seiner Küche und Traditionen, zugleich gibt es hier aber befremdliche Rituale, bei denen mir immer wieder durch den Kopf schoss: „Meine Fresse, was für Hinterwäldler!“ So wird für die schwangere Issa eine Ziege geopfert, die sie anschließend essen muss oder in einem schamanischen Ritual Albino-Zähne gemahlen, weil das dem Aberglauben zufolge Böses abwendet. Kennt ihr den Clip, wo ein türkischer Busfahrer Schafsblut auf der Motorhaube verteilt und sagt: „Ich habe ein Schaf geopfert, damit Allah den Bus nicht verflucht und kein Unfall passiert“? Und als halbwegs gebildete Person denkt man sich: Ein Automechaniker würde aber wirklich was bringen. So habe ich mich stellenweise beim Lesen gefühlt. Mir hat einfach eine kritischere Einordnung zu den teilweise problematischen Traditionen, wie das Führen von Harems, arrangierten Ehen und Beschneidungen, gefehlt.
Fazit
Unterm Strich ist „Issa“ für mich keine schlechte, aber leider auch keine gute Lektüre. Die Grundidee einer maternalen Familiengeschichte, die sich über sieben Generationen erstreckt, ist ganz interessant. Themen wie Kolonialismus, Rassismus, Identität und Feminismus spielen hier eine wichtige Rolle. Auch Issa selbst ist eine spannende Protagonistin, deren Entwicklung ich gerne verfolgt habe. Gleichzeitig hatte ich aber immer wieder das Gefühl, dass Mahn zu viel auf zu wenigen Seiten erzählen möchte. Die zahlreichen Figuren, die vielen Schicksalsschläge und die teilweise nüchterne bis emotionslose Sprache haben es mir schwer gemacht, wirklich eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Zudem konnte mich der feministische Ansatz nicht vollständig überzeugen, weil die Frauen zwar sehr eindringlich als Opfer patriarchaler Gewalt dargestellt werden, aber nur selten wirklich versuchen, die Strukturen hinter dieser Gewalt zu verändern. Dazu kommen einige kulturelle und spirituelle Aspekte, mit denen ich wenig anfangen konnte und bei denen mir eine kritischere Einordnung gefehlt hat. Um es ganz klar zu sagen: Ich hätte mir diesen Roman von Mirrianne Mahn nicht ausgesucht, wäre er mir nicht vorgegeben worden. Er war zwar kurzweilig, aber ich weiß, dass mir diese Geschichte aus dem Jahr 2024 nicht lange im Gedächtnis bleiben wird, auch weil es zu viele Figuren auf zu wenig Seiten gibt. Im Vergleich zu den anderen feministischen Romanen aus dem Seminar kann ich hier am wenigsten mitnehmen. Deswegen gibt es von mir zwei von fünf Federn.
