Aschenputtel und die Erbsen-Phobie

5. Juli 2026 0 Von lara

Der Fehler liegt schon im Titel

Meine Juli-Rezension 2026


Der zweite Band der Hipster-Märchenreihe von Nina MacKay heißt „Aschenputtel und die Erbsen-Phobie“. Für Aufsehen hat dieses Buch auch gesorgt, weil sich in der Erstauflage des Drachenmond Verlags ein Tippfehler in den Titel eingeschlichen hatte und Aschenputtel zum „Aschenpuutel“ mutierte. Die Autorin hat’s nach der Veröffentlichung 2016 mit Humor genommen und Witze über Puten gemacht. Jedoch ist mir beim Titel noch etwas anderes aufgefallen. Das Aschenputtel, hier Cinder, hat eine regelrechte Phobie vor Erbsen, weil sie von ihrem Erlebnis mit „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“ traumatisiert ist. Im Märchen der Gebrüder Grimm waren es allerdings Linsen, die die Tauben aus der Asche gelesen haben. Egal, ob das jetzt eine Anspielung auf die Prinzessin auf der Erbse oder künstlerische Freiheit sein soll: Mich hat’s während des Lesens irgendwie irritiert. Und es schien wie ein Omen, dass der erste Eindruck bereits für Stirnrunzeln sorgte.

Inhalt

Nachdem das Rotkäppchen Red und ihre Prinzessinnen-Freundinnen die entführten Prinzen gerettet haben, stehen sie vor einem neuen Problem: der Sultan des Morgenlands ist im Wonderland plötzlich tot zusammengebrochen. Seine Leiche soll nun an seine Tochter Jasemin überführt werden, doch diese ist überzeugt, dass ihr Vater nicht an einem Herzinfarkt verstorben ist, sondern ermordet wurde. Deswegen droht ein Krieg zwischen dem Märchenwald und dem Morgenland auszubrechen, den nur noch die Schneewittchen-Gang verhindern kann. Gleichzeitig hat Red mit ihrem Fluch zu kämpfen, der sie dazu zwingt, jede Nacht mit einem Mann in einem Bett zu schlafen. Doch als der Hipsterwolf Everton von Unbekannten entführt wird, sprühen zwischen ihr und Kapitän Hook wieder die Funken. Außerdem gibt es einen Ehekrieg bei Aschenputtel, kurz Cinder. Ihr Ehemann Prinz Charming will die Scheidung. So scheint es für Cinder plötzlich doch kein Happy End zu geben.

Cover

Das Cover ist ähnlich zum ersten Band, zeigt hier aber Cinderella mit einem Selfiestick in der linken und einem Handy in der rechten Hand. Die Kriegsbemalung und die Tarnjacke kontrastieren dabei ihre blonden, hochgesteckten Haare und das hellblaue Abendkleid aus Tüll. In ihrem Rock ist außerdem das Bild eines jungen Mannes mit grünem Spitzhut und Dolch zu sehen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das Peter Pan oder Robin Hood sein soll. Was mir jedoch auffällt, ist dass dieser Mann proportional zu kurze Beine für den Oberkörper hat. Oder liegt es an meiner Wahrnehmung und nur ich finde, dass es komisch aussieht? Ansonsten gibt es viele kleine Details wie einen verzierten Spiegelrahmen, Pflanzenranken, Lichtfunken und sogar eine versteckte Erbsenschote. Etwas merkwürdig ist zwar, dass Aschenputtel direkt zwei Handys in den Händen hält, aber insgesamt finde ich das Cover durchaus ansprechend.

Kritik

„Was meinst du damit, es ist aus?“, ist der erste Satz des ersten Kapitels. Ein Vorwort mit Warnung gibt es dieses Mal nicht, aber eine sehr süße Widmung. Cinder, die diesen ersten Satz spricht, spielt hier eine deutlich größere Rolle als noch im ersten Band. Sie ist wie vom Donner gerührt, als sie erfährt, dass ihr Mann die Scheidung will, weil sie ihn aus dem Wonderland gerettet hat. Da er sich immer als Held und Retter gesehen hat, scheint ihn das in seiner fragilen Männlichkeit massiv zu verletzen. Obwohl Cinder hier die zweite Hauptfigur ist, erzählt sie nicht in der Ich-Perspektive, sondern aus personaler Sicht. Grundsätzlich finde ich den formalen Aufbau des Buches schwierig. Auf über 300 Seiten gibt es gerade einmal 10 Kapitel. Innerhalb dieser Kapitel gibt es aber zahllose Zeitsprünge und Perspektivwechsel, sodass teilweise auf jeder zweiten Seite ein Sprung ist, der die Geschichte chaotisch wirken lässt. Die vereinzelten Illustrationen im Buch sind an sich zwar nett, aber künstlerisch stark sind sie leider nicht, weshalb ich sie etwas unterwältigend fand.

Ein weiterer Erzähler ist hier der Hipsterwolf Everton, kurz Ever. Er ist halb Hipster, halb Wolf. Er trägt eine Hipsterbrille und Holzfällerhemd, ist Veganer und kauft im Biomarkt Leinsamen. Kurzum, er erfüllt die klassischen Hipster-Klischees. Doch in Vollmondnächten verwandelt er sich unter Schmerzen in einen Werwolf, was natürlich gerade für Rotkäppchen mit ihrer panischen Angst vor Wölfen schrecklich ist. Trotzdem ist sie überzeugt, dass Ever ihre große Liebe ist: Er ist freundlich, geduldig und gelassen. Gerade bei der aufgedrehten, manchmal schon hyperaktiven Red, ist er das perfekte Gegengewicht. Ich finde Ever ganz nett, insgesamt sind aber alle Figuren der Märchenadaption etwas blass geschrieben. Außerdem spielt Ever hier eher eine kleinere Rolle, da er die meiste Zeit in Gefangenschaft und körperlich geschwächt ist. Trotzdem hat er einen kleinen Erzählstrang.

Schreibstil, Sprache und das rasante Tempo sind ähnlich wie beim Vorgänger. Auch der Humor ist wieder ähnlich plump und aufgezwungen, allerdings lässt er hier quantitativ nach. Es gibt viele Konflikte, Abenteuer und Romance, da passen alberne Witze nur noch bedingt rein. Grundsätzlich eine gute Entscheidung, da mich der Humor schon im ersten Band nicht wirklich angesprochen hat, aber auch insofern mutig, als dass die Reihe als humoristische Märchenadaption vermarktet wird. Aber auf Flachwitze wie „[Ich bin] so cool, dass es hinter mir schneit.“ (S. 97), kann ich gerne verzichten. Rhetorische Perlen wie bspw. Douglas Adams‘ Beschreibung von Raumschiffen, die „so im Himmel hingen, wie Ziegelsteine es nicht tun“, sucht man hier vergeblich. Wie auch schon im ersten Band hätte ich es sinnvoller und strukturierter gefunden, wenn es nur eine Erzählperspektive gegeben hätte, wahlweise Red oder Cinder. So hätte man für diese Perspektive mehr Raum gehabt, wodurch das Tempo entschleunigt wird und der Plot insgesamt weniger chaotisch erscheint.

Ich habe es bereits in meiner Rezension zu „Rotkäppchen und der Hipster-Wolf“ geschrieben, aber auch hier ist das Worldbuilding nicht konsistent. Die Figuren leben in einer fiktiven Welt mit Märchenwald, Wonderland, Morgenland und Neverland. Trotzdem gibt es immer wieder kulturelle Verweise auf reale Werke oder Künstler wie „Game of Thrones“ (S. 67), Notorious B.I.G. oder Harry Potter. Gleichzeitig gibt es aber auch fiktive Internetportale wie „WKWH“ (S. 74) oder eine erfundene Fernsehshow namens „Date my Swan“ (S. 304). Somit ist weiterhin unklar, nach welchen Regeln das Universum funktioniert. Denn es wird suggeriert, dass die Figuren mit der realen Popkultur vertraut sind, obwohl sie augenscheinlich nicht auf dem Planeten Erde leben. Auch die Dreiecksbeziehung zwischen Red, Ever und Kapitän Hook, kurz Jaz, hat mich eher genervt. Im ersten Band war sie vielleicht noch unterhaltsam, aber nun wird sie künstlich in die Länge gezogen, obwohl der Ausgang sonnenklar ist. Ich meine, der erste Band heißt „Rotkäppchen und der Hipster-Wolf“, und nicht „Rotkäppchen und der Neverland-Pirat“. Zu allem Überfluss ist am Ende des ersten Bandes eine Illustration von Rotkäppchen zu sehen, wie sie händchenhaltend mit Ever davon hüpft. Aber für wen sie sich am Ende wirklich entscheidet? MacKay könnte es wohl kaum vorhersehbarer machen.

Das Hörbuch, gelesen von Sabrina Zerner, war da meine absolute Rettung. Sie liest die Bücher wirklich mit viel Hingabe und holt das Beste aus dem wirren Plot raus. So konnte ich das Hörbuch nebenbei nutzen, ohne allzu große Gedanken an die flache und zugleich überladene Geschichte zu verschwenden. Das Ende bietet zwar einen krassen Cliffhanger, aber dessen Auflösung ist trotzdem offensichtlich. Weil ich gemerkt habe, dass die Hipster-Märchenreihe nicht meinen Geschmack trifft und leider schlecht gealtert ist, breche ich die Reihe an dieser Stelle ab. Ich bin mir sicher, dass MacKay auch tolle Bücher geschrieben hat, diese konnten mich allerdings nicht überzeugen.

Fazit

„Aschenputtel und die Erbsen-Phobie“ setzt die Schwächen des ersten Bands leider fort. Die Vielzahl an Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Nebenhandlungen sorgen für eine fragmentierte, geradezu chaotisch wirkende Erzählstruktur. Auch das Worldbuilding bleibt inkonsistent sowie der Humor flach und aufgesetzt. Die Dreiecksbeziehung zwischen Red, Ever und Jaz wird zudem künstlich in die Länge gezogen und ist sehr vorhersehbar. Positiv sind vor allem das engagiert gelesene Hörbuch sowie der leichte und kurzweilige Schreibstil hervorzuheben. Insgesamt überwiegt jedoch der Eindruck einer überladenen und unausgereiften Märchenadaption, die in ihrer Grundidee nett ist, aber an der Umsetzung scheitert. Deshalb gebe ich dem zweiten Band der Hipster-Märchenreihe von Nina MacKay zwei von fünf Federn. Ich breche die Reihe an dieser Stelle ab und werde in Zukunft eher keine Bücher der Autorin mehr lesen.