Rotkäppchen und der Hipster-Wolf

28. Juni 2026 0 Von lara

Flachwitze im Märchenwald

Meine Juni-Rezension 2026


Eine Reihe, die nun schon wirklich lange auf meinem SuB liegt, ist die Hipster-Märchenreihe von Nina MacKay. Der erste Band „Rotkäppchen und der Hipster-Wolf“ erschien 2016 zu einer Zeit, als der Drachenmond Verlag gerade einen großen Hype erlebte. Insbesondere dieses Buch hat man auf Buchblogs gefühlt überall gesehen. Das außergewöhnliche Konzept, bekannte Märchenfiguren in ein modernes, humorvolles Setting zu versetzen, hat sich dabei durchaus interessant angehört. Doch der Hipsterkult ist inzwischen verklungen und ich habe mich gefragt, wie gut oder schlecht diese Reihe in den vergangenen zehn Jahren gealtert ist. Denn während man zwischen 2010 und 2015 einen Hipster mit Vollbärten, Holzfällerhemden, Vintage-Stil, hippen Cafés und Veganismus in Verbindung gebracht hat, wird der Begriff heute kaum noch genutzt. Mit entsprechend gemischten Erwartungen habe ich mich also auf die Reise in den verrückten Märchenwald begeben.

Inhalt

Rotkäppchen ist inzwischen 18 Jahre alt, heißt eigentlich Red, ist Youtuberin sowie Bloggerin und wohnt in der ehemaligen Hütte ihrer Großmutter. Normalerweise verbringt sie ihre Zeit damit, Flechtfrisuren-Tutorials ins Internet zu stellen oder sich auf ein Kaffeekränzchen mit ihren besten Freundinnen Schneewittchen, Dornröschen, Rapunzel oder Aschenputtel zu treffen. Doch plötzlich verschwinden die vier Ehemänner der Märchenprinzessinnen über Nacht spurlos. Mit Selfiesticks bewaffnet macht sich die Mädchenclique also auf, um ihre Prinzen zu suchen und den unbekannten Entführer zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei trifft Red auf den Halbwolf Everton, kurz Ever. Und obwohl sie eigentlich eine Abneigung gegen Wölfe hat, findet sie diesen Hipster doch ganz süß. Ihre Freundinnen raten ihr jedoch, vorsichtig zu sein. Schließlich könnte Ever etwas mit der Entführung der Prinzen zu tun und es auf Rotkäppchen abgesehen haben.

Cover

Der Drachenmond Verlag ist in den 2010ern unter anderem wegen seiner überdurchschnittlich detaillierten und fantastischen Cover berühmt geworden. Auch in diesem Cover gibt es eine Menge zu entdecken: Im schwarzen Hintergrund sind schwarzgrüne Ranken versteckt. Davor liegt ein großer Spiegel, dessen Rahmen mit Stuck und Ornamenten verziert ist. Im Spiegel ist ein Wald mit Bäumen, Moos und Gras abgebildet. Im Zentrum steht das Rotkäppchen: Eine junge Frau mit langem, blondem Lockenhaar, blauen Augen und roten Lippen. Sie schaut den Betrachter direkt an und trägt ein dunkles Kleid mit weißen Ärmeln und einem viktorianischen Spitzenkragen. Bis zum Boden geht ihr rotes Cape, dessen Kapuze sie aufgesetzt hat. In ihrer rechten Hand häkt sie einen Selfiestick, an dem ein Handy angebracht ist. In ihrer linken Hand hält sie ein weiteres Handy. Ihr Rumpf ist transparent und gibt den Blick auf einen Mann frei, der im Wald steht. Dieser hat schwarze Haare, einen Bart und eine Nerdbrille auf der Nase. Er trägt schwarze Skinny Jeans, ein weißes Top und eine anthrazitfarbene Weste. Die Hände hat er in die Hosentasche gesteckt. Er erinnert mich zwar mehr an einen Emo als an einen Hipster, aber sei’s drum. Dieses Cover ist vor allem auf den ersten Blick schön, aber dass Rotkäppchen zwei Handys in den Händen hält, ist dann doch etwas irritierend.

Kritik

Noch vor dem ersten Kapitel gibt es ein Vorwort mit einer Warnung von der Autorin: Man solle dieses Buch bestenfalls nicht in der Öffentlichkeit lesen, weil es so witzig sei, dass man fragende Blicke ernten würde, weil man plötzlich laut auflache, Ganz ehrlich, da nimmt Nina MacKay den Mund doch etwas zu voll. Mehr als ein müdes Lächeln werden die Gags heute wohl kaum noch jemandem entlocken. Auf annähernd 350 Seiten und 16 Kapiteln werdet ihr geistige Ergüsse finden, wie „Ich dachte Hipster wiegen nur ein Instagram!“ (beachtet hier auch gerne das fehlende Komma, Grüße ans Korrektorat gehen raus), „Wenn man einem Hipster auf den Fuß tritt, dann hopst er.“, oder schlechte Wortwitze wie Botox zu „Flohtox“ (S. 46).Selfiesticks, die inzwischen kaum noch genutzt werden, werden mehrmals als „Deppenzepter“ bezeichnet, als würde die Wiederholung den Witz besser machen. Im Märchenwald werdet ihr also auf eine Menge Flachwitze treffen, die zumindest meinen Humor nicht getroffen haben. Natürlich ist Humor Geschmackssache und es ist schwierig, ein lustiges Buch zu schreiben, aber wenn ihr wirklich was Witziges lesen wollt, greift doch lieber zu Douglas Adams. Oder auch zur Hexer-Reihe von Andrzej Sapkowski mit ihren teilweise schreiend komischen Dialogen. Am Ende ist es wahrscheinlich die Mischung aus schlechten Witzen und dem Hipster-Hype, der seinen Zenit längst überschritten hat, dass der Humor heute nicht mehr zündet.

Im Fokus steht die Hauptfigur Rotkäppchen, die eigentlich Red heißt. Sie hat langes, blondes Haar, das sie meist als Flechtfrisur trägt. Im Gegensatz zu ihren Freundinnen hat sie keinen Märchenprinzen an ihrer Seite und ist viel selbständiger. Während ihre Freundinnen oft impulsiv handeln, ist Red meist deutlich vernünftiger. So hält sie Schneewittchens „Verhöre-und-töte-Liste“ für übertrieben und ist allgemein hilfsbereit gegenüber den Bewohnern des Märchenwalds. Teil ihrer Charakterentwicklung ist es, ihre Angst vor Wölfen zu überwinden. Außerdem ist sie sarkastisch und schlagfertig, was auch zum plumpen Humor des Buchs beiträgt. Darüber hinaus ist sie aber relativ flach geschrieben. Im Vergleich zu ihren Freundinnen ist sie definitiv noch die Klügste. Wirklich schlau ist aber niemand aus der Schneewittchen-Gang. Diese dümmlichen und tollpatschigen Mädchen sollen sicherlich lustig und albern wirken, mich hat diese sehr einseitige Darstellung von weiblichen Hauptfiguren aber vielmehr genervt.

MacKay bedient sich hier eines modernen, lockeren und einfachen Schreibstils mit jugendlicher Umgangssprache. Die flapsige Sprache bildet dabei den starken Kontrast zur bekannten Märchenwelt. Das Tempo ist überwiegend schnell, weshalb Red von einem Abenteuer ins nächste stolpert. Gerade, weil Red zwar als Ich-Erzählerin im Präsens fungiert, aber zwischendurch von einem auktorialen Erzähler abgelöst wird, wirkt der Erzählstil inkonsistent. Vor allem, weil Spieglein, der inzwischen in Schneewittchens Besitz ist, Red sowieso erzählt, was in ihrer Abwesenheit passiert ist, hätte man die Passagen abseits von Reds Erzählstrang streichen und die Geschichte dafür entschleunigen können. Die Atmosphäre bewegt sich zwischen Märchen, Abenteuer, Komödie und Romance, was so eine bunte Mischung ist, dass sich keine klare Grundstimme entwickeln will. Gerade emotionale Momente können sich oft nicht richtig entfalten, da sie durch ironische Einschübe gebrochen werden. Deswegen wirkt der Roman stilistisch leider manchmal zu chaotisch.

Grundsätzlich erscheint „Rotkäppchen und der Hipster-Wolf“ nicht wirklich gut durchdacht. Red lebt in einer fiktiven Welt, die aus mehreren Ländern besteht: dem Märchenwald, das Morgenland, Neverland und Wonderland. Trotzdem gibt es immer wieder Anspielungen an Kultur der realen Welt. So läge die „Lebkuchen Lane […] so abseits von allen Dörfern im Märchenwald wie der Mars“ (S. 17), als wäre in der fiktiven Welt unser Sonnensystem bekannt. Dann gibt es Verweise auf echte Filme und Serien wie „Schlaflos ins Seattle“ (S. 19), „Blair Witch Project“ (S. 35) oder „Ghost Busters“ (S. 44), gleichzeitig aber auch auf fiktive Fernsehshows oder Internetportale. Zu allem Überfluss werden dann noch Andeutungen zu Frida Kahlo oder dem „Karnevalsumzug in Rio de Janeiro“ (S. 40) gemacht, sodass das Worldbuilding inkonsequent wirkt und die Regeln nicht klar definiert sind. Erschwerend hinzu kommen kleinere weitere Fehler, wie dass Aschenputtel eine Erbsenphobie hat: „Wegen der Sache mit Die guten in Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“ (S. 38). Dumm nur, dass es im Märchen Linsen waren und nicht Erbsen, die das Aschenputtel aus der Asche lesen musste. Wahrscheinlich hat MacKay das mit der Prinzessin auf der Erbse verwechselt. Ob Absicht oder nicht, es zeigt mir, wie unrund dieser Roman wirkt.

Ein Lichtblick war für mich dann aber noch das Hörbuch gelesen von Sabrina Zerner, das ich entdeckt habe. Sie liest wirklich toll vor, wodurch sie die Geschichte unterhaltsam und kurzweilig macht. Auch wenn ihr Stil nicht humoristisch ist, holt sie das Beste aus dem eher flachen Plot heraus. Auch das Finale konnte mich positiv überraschen: Ich war der Meinung, ich hätte durchschaut, wer die Prinzen entführt hat, aber ich lag falsch. Ich glaube allerdings nicht, dass es echte Hinweise gab, durch die man auf den Bösewicht hätte schließen können. Außerdem gibt es kein wirkliches Ende. Damit meine ich keinen Cliffhanger, sondern dass es sich anfühlt, als würde die Erzählung abrupt abbrechen. Es eröffnet sich plötzlich ein neuer Konflikt und endet dann mittendrin. Es ist wirklich schwierig zu beschreiben, aber gefühlt ist nicht einmal die Szene abgeschlossen. Aber immerhin hat dieser Band eine Fortsetzung.

Fazit

„Rotkäppchen und der Hipster-Wolf“ hat eine sympathische Grundidee und durchaus unterhaltsame Elemente, scheitert aber leider an der Umsetzung. Weder der Humor noch das Worldbuilding konnten wirklich überzeugen. Die zahlreichen Hipster-Witze wirken heute weitgehend überholt, die Figuren bleiben recht eindimensional und alles erscheint irgendwie chaotisch. Die humoristische Märchenadaption schwankt zwischen Kömodie, Abenteuer und Romantik ohne eine klare Richtung zu finden. Zwischendurch kann der Plot zwar kurzweilig sein, aber ohne die schöne Hörbuchinterpretation hätte ich das Buch von Nina MacKay öfter weggelegt. Wer alberne Flachwitze mag, wird hier bestimmt seine Freude haben, aber für mich war die Lektüre aus dem Jahr 2016 leider nur ganz okay. Deswegen gebe ich dem ersten Band der Hipster-Märchenreihe zwei von fünf Federn. Trotzdem werde ich dem zweiten Band „Aschenputtel und die Erbsen-Phobie“ noch eine Chance geben, vor allem weil es schon auf meinem SuB liegt.