Marianengraben

28. April 2026 2 Von lara

Ein Roadtrip über Tod und Trauer

Meine zweite April-Rezension 2026


Das Motto für die Lesechallenge im April lautet: „Lies ein Buch aus einer Liste, die du dir für 2026 geschrieben hast“. Auf meiner persönlichen Liste stehen Bücher, die ich als Rezensionsexemplare zugeschickt bekommen, die ich aber nicht sofort gelesen habe. Ein Roman, der nun seit vier Jahren darauf wartet, von mir gelesen und rezensiert zu werden, ist „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber. Der Debütroman erschien 2020 und wurde schnell zum Bestseller. Doch die schweren Themen Tod und Trauer haben mich lange abgeschreckt, ich habe mich nie wirklich bereit für diese Art von Lektüre gefühlt. Die Lesechallenge ist dabei echt ein Segen, denn sie motiviert mich jeden Monat zu Büchern zu greifen, die auf meinem SuB schon Staub angesetzt haben.

Inhalt

Paula ist etwa Anfang 20, als ihr jüngerer Bruder Tim bei einem Badeunfall verstirbt. Sie ist so tief in ihrer Trauer gefangen, dass sie nicht mehr in den Alltag zurückfindet und in Depressionen verfällt. Ihr Therapeut ermutigt sie dazu, nachts auf den Friedhof einzubrechen, um Tims Grab ungestört besuchen zu können. Doch dort ist sie nicht alleine, sondern trifft auf Helmut, der heimlich die Urne seiner geliebten Frau Helga ausgräbt, um ihre Asche in den Alpen zu verstreuen. Etwas widerwillig lädt Helmut Paula ein, ihn auf seiner Reise mit dem Wohnmobil nach Süddeutschland und Österreich zu begleiten. Auf ihrem gemeinsamen Roadtrip lernt Paula langsam, ihre tief sitzende Trauer zu bewältigen, aber dabei nicht zu vergessen, dass der Tod zum Leben dazugehört.

Cover

Der Hintergrund des Covers ist schwarz. Von unten und oben schlängeln sich rote, illustrierte Tentakel mit Saugnäpfen ins Bild. Das Cover ist minimalistisch, aber die Message ist klar. Schwarz ist die Farbe der Trauer sowie ein Gleichnis für die Dunkelheit in der Tiefsee. Das Bildnis des Covers wird auch im Roman selbst beschrieben: „Es waren die Tentakeln, die aus der Schwärze kamen und mich nach unten zogen.“ (S. 208). Es symbolisiert die Depression, Schwere und Ausweglosigkeit, die Paula nach dem Tod ihres Bruders fühlt. Das Cover mag mit seinem Minimalismus vielleicht kein Blickfang sein, aber es ist sehr treffend gewählt.

Kritik

„Dein allerallerallerliebstes Tier war der Gespensterfisch – bei dir mussten es immer mindestens drei ‚aller‘ sein, wenn dir etwas ganz besonders wichtig war.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels. Als Erstes fällt auf, dass das Kapitel nicht klassisch mit einer „1“ beginnt, sondern mit „11000“. Denn in 11.000 Metern Tiefe im westlichen Pazifik liegt mit dem Marianengraben der tiefste Punkt der Erde. Dies soll eine Metapher für den emotionalen Zustand der Protagonistin Paula sein. In knapp über 250 Seiten und 25 Kapiteln sollen die allmählich sinkenden Zahlen (10430, 9950, 9720) Paulas langsamen Aufstieg aus dem Marianengraben und damit aus der Depression symbolisieren. So entsteht eine Art Countdown, der im letzten Kapitel mit der Null endet. Spannend ist auch, dass Paula hier aus der Ich-Perspektive im Präteritum erzählt, aber auch einen Adressaten hat, den sie die ganze Geschichte über mit „Du“ anspricht. Auch wenn sie die Hauptfigur ist, steht ihr verstorbener Bruder Tim stets im Zentrum ihrer Gedanken.

Paula ist im Roman schätzungsweise 24 Jahre alt. Ihr genaues Alter wird nicht genannt, aber man erfährt, dass Tim im Alter von 10 Jahren gestorben ist und dass dies zum Zeitpunkt der Handlung bereits zwei Jahre her ist. Paula hat ein abgeschlossenes Masterstudium in Biologie. Wenn sie direkt nach dem Abitur in Regelstudienzeit studiert hat, kann sie also nicht viel jünger als 24 sein und hätte damit einen Altersunterschied von zwölf Jahren zu Tim. So ein großer Unterschied zwischen Geschwistern ist zwar selten, aber durchaus möglich. Sie beschreibt sich als 1,63m groß und 80kg schwer. Ich hatte beim Lesen immer wieder den Eindruck, dass Schreiber selbst viel von sich in Paula gesteckt hat, so sind beide z.B. Biologinnen. Paulas Persönlichkeit habe ich wahnsinnig schnell ins Herz geschlossen. Sie ist anfangs zwar still, antriebslos und von ihrer Depression gelähmt. Mit der Zeit entdeckt man aber viele andere Facetten an ihr. Sie hat einen trockenen, fast schon makaberen Humor, den ich sehr erfrischend fand. Unter ihrer zynischen Oberfläche ist sie aber auch empathisch und anderen gegenüber sehr feinfühlig. Sie nimmt Stimmungen intensiv und zügig wahr, eine Fähigkeit, die ich wirklich bewundernswert finde. Ihre Vielseitigkeit macht sie zudem besonders glaubwürdig. Für mich ist Paula jetzt schon eine der liebenswürdigsten Protagonistinnen des Jahres!

Schreibers Schreibstil ist einfach und klar. Die Sprache ist schnörkellos, aber bildhaft. Bei mir hat sich schnell eine Sogwirkung entfaltet und auch, weil der Roman recht dünn ist, lässt er sich zügig weglesen. Das Tempo ist wechselhaft mit immer wieder ruhigeren, reflektierenden Passagen, dabei aber nie langweilig. Die Atmosphäre ist meist traurig und melancholisch, allerdings nie hoffnungslos. Themen wie Depression und Trauer werden auf wunderbare Weise mit schrägem Humor und einer tröstenden Wärme gemischt, die dieses Buch zu etwas ganz Besonderem machen. Es fühlt sich stellenweise wie ein luftiger, sommerlicher Roadtrip mit zwei ungleichen Weggefährten an, ähnlich wie bei „Tschick“. Zwar mag der Plot stellenweise vorhersehbar sein und manchmal etwas zu inszeniert wirken, das tut dem Lesefluss aber keinen Abbruch.

Besonders wichtig für die Geschichte ist auch die Dynamik zwischen Paula und Helmut. Sie treffen anfangs eher unfreiwillig aufeinander und werden durch eine Aneinanderreihung von Zufällen Begleiter auf einem Kurzurlaub. Anfangs misstrauen sich die beiden, vor allem Helmut zeigt sich emotional distanziert und übellaunig. Mit der Zeit nähern sie sich jedoch an und Helmut wird zum entscheidenden Katalysator für Paulas Trauerbewältigung. Er bringt ihr bei, dass Trauer kein Zustand ist, den man besiegt, sondern einer, mit dem man zu Leben lernt. Auch Helmut hat in seinem langen Leben viele geliebte Menschen verloren und bietet, wenn auch etwas murrend, Paula eine Schulter zum Ausweinen an. Er zeigt ihr, dass sie nicht alleine aus dem Marianengraben auftauchen muss. Denn manchmal braucht es jemanden, der bereits dort unten war und weiß, wo die Taschenlampe liegt.

Im Roman ist der Tod ein omnipräsentes Leitmotiv, der sich weit über Tims Tod hinaus durch den Handlungsverlauf zieht. Seien es Helmuts Geschichten über verstorbene Familienmitglieder, tote Tiere am Straßenrand oder ein Besuch auf einem Friedhof. Per biologischer Definition ist Leben zeitlich begrenzt und endet immer mit dem Tod. Und auch Paula lernt, dass der Tod zum Leben dazu gehört und dass man die kostbaren Momente erst dann wirklich zu schätzen weiß, wenn man sich dessen Endlichkeit bewusst macht. Das Ende ist dann noch einmal traurig, aber gleichzeitig versöhnlich. Mich persönlich hat der Roman durch eine schwierige Phase im Leben begleitet. Vielleicht ist mir Paulas Geschichte deswegen so ans Herz gewachsen, dass ich ein paar Mal mit den Tränen kämpfen musste.

Fazit

Seit fast einem Jahr habe ich kein Highlight mehr gelesen, aber „Marianengraben“ hat diese Durststrecke für mich beendet. Der Roman überzeugt durch seine kluge Struktur, die emotionale Tiefe und eine Protagonistin, die gleichermaßen verletzlich wie liebenswert ist. Jasmin Schreiber gelingt es, schwere Themen wie Trauer und Depression mit feinem, teils schwarzem Humor und einer leisen Hoffnung zu verweben, ohne dabei kitschig zu wirken. Auch wenn die Handlung stellenweise vorhersehbar ist, tragen die besondere Erzählweise, die intensive Figurenzeichnung und die schräge Dynamik zwischen Paula und Helmut mühelos über kleinere Schwächen hinweg. Für mich ist das Buch nicht nur literarisch gelungen, sondern auch persönlich bedeutsam. „Marianengraben“ ist ein stilles, warmes und nachhaltiges Leseerlebnis, weshalb ich hier endlich mal wieder alle fünf Federn vergeben kann. Aufgrund diesen herausragenden Eindrucks habe ich mir Schreibers „Da, wo ich dich sehen kann“ auf die Wunschliste gesetzt. Auch, wenn ich mit dem Kauf wohl noch warten werde, bis das Taschenbuch erscheint.