A good Girl’s Guide to Murder

Was geschah mit Andie Bell?
Meine zweite Februar-Rezension 2025
Das Motto für die Lesechallenge im Februar lautet: „Lies ein Buch, das du gerade überall siehst“. Das war nicht wirklich einfach für mich, denn einerseits sieht man täglich auf Bookstagram unzählige Bücher und andererseits geht es bei dieser Challenge immer noch um den Abbau des SuBs. Ich musste also ein Buch finden, das sowohl auf meinem SuB liegt als auch regelmäßig in meinem Feed erscheint. Da der Buchclub @noshelfcontrolsociety im Januar „A good Girl’s Guide to Murder“ von Holly Jackson gelesen hat, war dies mit Abstand das Buch, das mir dabei am meisten ins Auge gesprungen ist. Also habe ich zu dem Jugendthriller aus dem Jahr 2019 gegriffen, der dank sozialer Medien einen riesigen Hype erlebte. Inzwischen gibt es zwei Fortsetzungen sowie eine Serie mit sechs Episoden, die dieses Buch adaptiert. Ohne die Lesechallenge hätte dieser Jugendthriller definitiv länger auf meinem SuB gewartet.
Inhalt
Die 17-jährige Pippa Fitz-Amobi, kurz Pip, rollt für ein Schulprojekt einen vermeintlich geklärten Mordfall wieder auf, der sich vor fünf Jahren in ihrer fiktiven Heimatstadt Little Kilton im englischen Buckinghamshire ereignete. Damals verschwand die 17-jährige Andie Bell spurlos, ohne dass jemals ihre Leiche gefunden wurde. Die Polizei ist sich sicher, dass ihr damaliger Freund Salil Singh, kurz Sal, sie ermordet hat. Dann sollen ihn die Schuldgefühle übermannt haben, weshalb er sich wenige Tage später das Leben nahm. Doch Pippa hat erhebliche Zweifel und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an. Pippas Fragerei bleibt nicht lange unbemerkt und damit macht sie sich nicht nur Freunde. Aber ist sie wirklich bereit für die Wahrheit?
Cover
Es gibt zwei verschiedene Cover von „A good Girl’s Guide to Murder“, da aufgrund des Erfolgs auch eine schwarze Schmuckausgabe veröffentlicht wurde. Ich besitze aber die klassische Taschenbuchausgabe. Sie zeigt einen weiß karierten Hintergrund, der stark an Schulpapier erinnert. Darauf liegen oder stecken sieben Stecknadeln mit blauen oder gelben Köpfen. Über den Titel ist eine rote Kordel asymmetrisch gespannt, so als würden sie verschiedene Punkte auf einer Karte miteinander verbinden. Außerdem gibt es im Papier kleinere Löcher, wo Stecknadeln offenbar wieder herausgezogen wurden. Durch das Papier wird auf das Schulprojekt verwiesen, die rote Kordel deutet auf einen Kriminalfall hin und die kleinen Löcher, in denen die Nadeln steckten, haben fast schon etwas Brutales. So ist das Cover zwar minimalistisch, aber dennoch ausdrucksstark.
Kritik
Bevor das erste Kapitel beginnt, sind Vorder- und Rückseite eines Dokuments mit dem Titel „Erweiterte Projektqualifikation 2017/18“ abgebildet. Es ist Pippas Antrag für das Schulprojekt, bei dem sie zum Vermisstenfall Andie Bell recherchieren will. Auf der Rückseite steht in der Anmerkung des Projektbetreuers, dass „KEIN KONTAKT zu den betroffenen Familien aufgenommen werden darf“ (S.8). Dies ist eine Vorgabe, an die sich Pippa ganz bestimmt nicht halten wird. Mit annähernd 500 Seiten, drei Teilen, 49 Kapiteln und einem Epilog ist „A good Girl’s Guide to Murder“ verhältnismäßig umfangreich für einen Jugendthriller. Pippa erzählt hierbei ihre Geschichte aus der personalen Perspektive im Präteritum.
Im Fokus steht die 17-jährige Pippa Fitz-Amobi, die im englischen Little Kilton aufwuchs, dem Ort, an dem 2012 die damals 17-jährige Andie Bell verschwand und die Leiche ihres Freundes Salil Singh gefunden wurde. Pippa lebt mit ihrer Mutter Leanne, ihrem Stiefvater Victor, ihrem Halbbruder Josh und dem Golden Retriever Barney in einem großen Haus, da Victor erfolgreicher Anwalt seiner eigenen Kanzlei ist. Pippa ist 1,60m groß und hat sonnengebleichtes, braunes Haar mit tümpelgrünen Augen. Sie kleidet sich gerne schlicht mit Latzhose, Shirt oder Pullover und Sneakern. Sie wirkt intelligent, ist fürsorglich und gerechtigkeitsliebend, weshalb sie hochmotiviert ist, am Vermisstenfall zu arbeiten. Dabei ist sie überraschend mutig, geht wiederholt Risiken ein und scheut nicht davor zurück, andere mit ihren Falschaussagen zu konfrontieren. Sogar als sie Drohbriefe erhält, arbeitet sie unermüdlich am Projekt weiter und ist dabei für meinen Geschmack zu unvorsichtig. Trotzdem finde ich Pippa wirklich sehr liebenswürdig und sympathisch. Ich kann verstehen, dass sie in den Fortsetzungen „Good Girl, Bad Blood“ und „As good as dead“ weiterhin die Hauptfigur ist.
Jacksons Schreibstil ist klar und funktional. Die Sprache ist modern, präzise und auf eine jugendliche Leserschaft abgestimmt. Es gibt ein hohes, aber kontrolliertes Tempo und die Spannung basiert auf kontinuierlichen Informationen sowie Wendungen, die mich schnell fesseln konnten. Die Atmosphäre wird zunehmend bedrohlicher und düsterer, je näher Pippa der Wahrheit kommt. Spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem sie Drohbriefe erhält, scheint ihr Leben und das ihrer Familie in Gefahr zu sein. Besonders klug ist der formale Aufbau des Jugendthrillers, bei dem Protokolle, Transkripte, Chatverläufe, Dokumente und Karten den klassischen prosaischen Stil regelmäßig aufbrechen. Die Schwäche des Buches ist, dass immer mal wieder kleinere Fehler auftauchen, z.B. dass Pippas Atem an einer Stelle „in Rauchwölkchen“ (S. 301) aus ihrem Mund dringt, obwohl es eigentlich Dampfwölkchen sind, denn sie raucht hier keine Zigarette. Zur Erklärung: Rauch entsteht durch Feuer, Dampf durch Wasser. Die Stärke von „A good Girl’s Guide to Murder“ ist hingegen die starke Sogwirkung. Der Vermisstenfall wird immer aufregender, sodass sich die Geschichte hier zu einem starken Pageturner entwickelt.
Um einen Vergleich mit dem Buch aufstellen zu können, habe ich mir auch die erste Folge der Serie angeschaut, die ihr übrigens kostenlos über die ZDF-Mediathek streamen könnt. Insgesamt weicht die Serie aber relativ stark vom Buch ab. Wie oder wann Pippa Leute befragt oder kennenlernt, ist oft unterschiedlich. Außerdem wird Andies Verschwinden von 2012 auf 2019 verschoben und einige Szenen sind sogar völlig frei erfunden, z.B. eine Rückblende in Pippas Kindheit in der Schule oder dass sie mit Cara auf einer Cocktailparty kellnert und sich dort mit ihr streitet, weil Pippa ihre Schwester gegen Caras Willen befragt hat. Nichts davon passiert so im Buch, weshalb ich persönlich nach der ersten Folge aufgegeben habe. Obwohl die Serie bei Rotten Tomatoes eine gute Bewertung von 83% hat und Emma Myers als Pippa wirklich toll gecastet ist, würde ich euch eher zum Buch als zur Serie raten.
Das Ende ist halb vorhersehbar und halb überraschend. Ich habe in meiner Buch-App so viele Mutmaßungen gesehen, dass ich weiß, dass Jackson einen Großteil der Leserschaft erfolgreich an der Nase herumgeführt hat. Sie streut wirklich subtile Hinweise auf den Täter ein, ohne dass es zu offensichtlich ist. Allerdings ist es mir schwergefallen, das Motiv des Täters nachzuvollziehen. Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich die Handlungen noch verstehen, aber dass aus der einer gewissen Aktion eine bestimmte Reaktion folgt, fand ich nicht mehr nachvollziehbar. Anstelle des WER? kritisiere ich also vielmehr das WARUM? Denn ohne zu spoilern kann ich sagen, dass es für ihn oder sie einfachere Auswege aus der Misere gegeben hätte. Psychologisch und rational sind die Motive nicht plausibel. Das ist leider der kleine Makel, der nach Beenden des Buches noch nachhallt.
Fazit
„A good Girl’s Guide to Murder“ von Holly Jackson ist ein fesselnder, klug konstruierter Jugendthriller mit einer sympathischen Protagonistin. Besonders überzeugend ist der innovative formale Aufbau, das hohe Erzähltempo und die stetig wachsende, bedrohliche Atmosphäre, die das Buch zu einem starken Pageturner machen. Es gibt jedoch auch kleinere inhaltliche Ungenauigkeiten sowie kaum nachvollziehbare Motive, die eine sonst sehr gelungene Auflösung trüben. Trotz kleiner Schwächen überwiegen Spannung, Sogwirkung und ein modernes Whodunnit?, sodass der Thriller insgesamt sehr lesenswert ist. Von mir gibt es also volle vier von fünf Federn. Dennoch weiß ich noch nicht, ob ich die Fortsetzung „Good Girl, bad Blood“ lesen werde, denn der Plot ist hier in sich geschlossen.
