Mondprinzessin

Mondprinzessin
22. Januar 2021 0 Von lara

Lynn und Juri

Meine zweite Januar-Rezension 2021

Der Drachenmond Verlag ist unter den Buchblogger*innen schon lange kein Geheimtipp mehr. Der Kleinverlag hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr etabliert. Bekannt geworden ist er vor allem für seine „Drachenpost“, bei der Buchpakete unterschiedlicher Größe und Themen bestellt werden können, die neben Verlagsbüchern auch noch Süßigkeiten, Kerzen oder Lesezeichen enthalten. Inzwischen findet man aber in jeder gut sortierten Buchhandlung eine kleine Auswahl des Verlagssortiments. Besonders spezialisiert hat sich der Verlag auf Fantasy-Jugendbücher. Eine Handvoll dieser Bücher besitze ich bereits, nun habe ich meinen ersten, liebevoll so bezeichneten, Drachen gelesen. „Mondprinzessin“ von Ava Reed ist eines der erfolgreichsten Bücher des Verlags, deswegen wollte ich damit beginnen. Es erschien 2016, ist ein Jugendbuch, das dem Urban Fantasy zuzuordnen ist und der erste Band einer Dilogie.

Inhalt

Lynn hatte keine schöne Kindheit. Sie ist als Vollwaise in einem Kinderheim aufgewachsen, in dem sie sowohl den Schikanen der Erzieher, als auch denen ihrer Zimmerbewohnerinnen ausgesetzt ist. Vor allem Anna scheint es sich in den Kopf gesetzt zu haben, Lynn das Leben möglichst schwer zu machen. An ihrem 17. Geburtstag beginnt jedoch plötzlich ihr Arm zu leuchten und ein Sternbild zeichnet sich darauf ab. Voller Panik ergreift sie die Flucht, denn sie merkt nahezu zeitgleich, dass sie von Fremden verfolgt wird.
Währenddessen lebt und arbeitet der 20-jährige Juri als Mondkrieger auf dem Mond. Als Artas, der König des Mondes befiehlt, seine seit Jahren verschollene Tochter soll weiterhin auf der Erde gesucht werden, zögern alle Gefolgsleute bis auf Juri. So wird er mit der Suche nach der Mondprinzessin beauftragt. Noch weiß er nicht, dass das Mädchen, das er finden soll, Lynn ist.

Cover

Der Drachenmond Verlag ist außerdem bekannt für seine unfassbar schönen und künstlerisch verspielten Cover. „Mondprinzessin“ ist da ein Paradebeispiel. Der Hintergrund ist ein tiefblauer, kosmischer Sternenhimmel. Darauf sitzt im Vordergrund eine junge Frau auf einer weißlich schimmernden Mondsichel. Höchstwahrscheinlich ist es die Protagonistin Lynn, die hier ein kurzes Kleid trägt, nach unten blickt und die Hände auf dem Schoß gefaltet hat. Neben ihr sitzt ein geisterhafter Waschbär, oder viel mehr die Waschbärin Tia, Lynns sogenannte Begleiterin. Wenn ich nur nach dem Cover gehen müsste, wäre „Mondprinzessin“ definitiv ein Jahreshighlight. Nicht umsonst ist der Gestalter des Covers, Alexander Kopainski, 2017 und 2019 als „Bester deutschsprachiger Grafiker“ mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet worden.

Kritik

Erst einmal vorweg: Was für ein zauberhafter Titel! Er schreit förmlich nach Märchen und Romantik, aber das macht ihn auch kitschig. Schön kitschig! Mein erster Gedanke beim Betrachten des Titels war: Das klingt nach „Sailor Moon“. Denn in einem früheren Leben war die Protagonistin Bunny Tsukino des Mangas von Naoko Takeuchi, Prinzessin Serenity, die Tochter der Mondkönigin. Diese Parallele ist auch Reed bewusst. Nicht umsonst heißt es in Kapitel 6: „Ein hysterisches Kichern entweicht mir, als ich mir vorstelle, wie ich meinen Mondstein werfe, weil die bösen Buben mich verfolgen und bedrohen. Wie ich schreie Mondstein flieg und sieg und wie Tuxedo Mask gleich auf der Laterne landet, eine Rose wirft und mir erklärt, dass er gekommen ist, um mich zu retten.“ Generell finden sich viele subkulturelle Anspielungen, wie beispielsweise Star Wars oder Pokémon.
„‚Sie ist tot!’“, ist der erste, sehr prägnante Satz des ersten Kapitels. Noch vor dem Kapitel findet sich ein kurzer Prolog in Versform, der einen kurzen Einblick in die Vorgeschichte der Urban Fantasy zeigt. Vor jedem der insgesamt 33 Kapitel findet sich ebenfalls ein kurzer Text in Versform. Mein Favorit ist übrigens jener in Kapitel 19. Mit knapp über 250 Seiten sind die Kapitel dementsprechend kurz. Das Buch beinhaltet außerdem auf jeder Seite kleinere oder größere Illustrationen von Sternen, einem Waschbären oder dem Mond, allesamt von der Illustratorin Melina Goldberg entworfen. So liebevoll gestaltete Romane gibt es wirklich selten.
Die Szene im ersten Kapitel spielt im Mondpalast aus der Ich-Perspektive von Juri im Präsens. Er beobachtet das Konfliktgespräch zwischen König Artas und dem Hauptmann der Krieger, Malik. Dieser verweigert den Befehl des Königs nach der Prinzessin zu suchen und duzt den König kurz darauf, was mich durchaus irritiert hat. Egal in was für einem vertrauten Verhältnis man zu seinem König steht, man muss ihn in der Öffentlichkeit stets mit seinem Titel ansprechen und ein Ungehorsam bedeutete nicht selten die sofortige Exekution. Doch vielleicht ist die Vorstellung einer Monarchie auf dem Mond schlichtweg eine andere als auf der Erde. Man weiß es nicht.
Juri wechselt sich als Ich-Erzähler mit zwei weiteren ab. Zum Einen wäre das Lynn, die eigentliche Protagonistin der Geschichte, da sie die meisten Kapitel und die meiste Erzählzeit innehält. Zum Anderen ist es eine unbekannte Person, die aber offensichtlich nach Lynns Leben trachtet und sich somit als der Antagonist entpuppt. Schon früh hatte ich eine Vorahnung, um wen es sich bei diesem handelt. Umso weniger verwunderlich war es für mich, als sich mein Verdacht letztendlich bestätigt hat. Auch wenn es schwierig ist auf 250 Seiten eine durchdachte und täuschende Intrige aufzubauen, hätte ich mir hier doch ein wenig mehr Unvorhersehbarkeit gewünscht.
Auch wenn Lynn nicht das erste Kapitel erzählt, ist sie dennoch die Protagonistin, wie der Titel „Mondprinzessin“ schon verrät. Zu Beginn der Geschichte ist sie 16 Jahre alt, steht aber unmittelbar vor ihrem 17. Geburtstag. Sie ist 1,75m groß, sportlich und hat hellblonde, fast silbrige Haare. Ihre Augen sind hellgrau und ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit Kampfsport gemeinsam mit ihrem besten Freund Jim. Mir hat die zielstrebige, kämpferische und tapfere Lynn anfangs gut gefallen. Dies änderte sich aber dann, als der Handlungsort auf den Mond verlagert wird. Von da an ist sie stur, zickig, aggressiv und vor allem ein bisschen dümmlich. Es lässt einen schon schlucken, wenn sie den Mond als Planeten bezeichnet oder nicht versteht, warum ein Tag auf dem Mond nicht aus 24 Stunden besteht. Vielleicht ist sie zwischen Sporthalle und Kinderheim nie zur Schule gegangen, beziehungsweise so blond wie ihre Haare. Generell gibt es so manche Unstimmigkeiten, die das Jugendbuch zu einem holprigen Erlebnis machen.
Wäre da beispielsweise der Schreibstil, der manche Szenen wunderbar einfängt, die Atmosphäre durch eingeworfene Phrasen oder merkwürdige Vergleiche aber genauso häufig wieder bricht. Reed besitzt zweifelsfrei Potenzial, das sie in vielen Momenten mit gelungenen Einwürfen sowie originellen Witzen und Anlehnungen untermauert, aber der gewisse Schliff fehlt ihr leider noch. Außerdem übertreibt sie eindeutig mit Partizipien. Die Dialoge wirken oft zu inszeniert, die Reaktionen mancher Figuren, allen voran Lynn, sind überzogen, wenn nicht teilweise sogar hysterisch. Kurzum, es bleibt oberflächlich und konstruiert, obwohl es immer wieder tolle Ansätze gibt.
Lynns sogenannter Schutzgeist, beziehungsweise Begleiter, ist die Waschbärin Tia. Ein tierischer Begleiter, der mit einem Menschen verbunden ist und seine Persönlichkeit reflektiert, ist nichts Neues. Schon in „Der goldene Kompass“ gab es die sogenannten Dæmonen. Zumindest gibt Reed ihnen einen neuen Schliff. Bei „Der goldene Kompass“ kann sich der Dæmon bis zur Pubertät in seiner Gestalt noch wandeln sowie Mensch und Dæmon können sich nie weit voneinander entfernen, weil es ihnen Schmerzen bereitet. Stirbt einer der Partner, stirbt auch der andere. Das ist bei „Mondprinzessin“ nicht so. Hier sterben nur beide, wenn das Sternenkind, also der Mondgeborene, stirbt. Im Gegensatz zu „His Dark Materials“ können der Schutzgeist und sein Besitzer eine große räumliche Distanz aufbauen und sich telepathisch verbinden. Ein besonderer Aspekt ist bei „Mondprinzessin“ zudem, dass der Begleiter als Sternenbild mit dem Unterarm des Trägers verschmilzt und sich nach Aufruf wieder materialisieren kann.
Der Plot ist spannend und größtenteils gut ausgearbeitet, sodass das Jugendbuch stets unterhaltsam bleibt. Konnte dieses grundsätzlich nicht mit Unvorhersehbarkeit glänzen, ändert sich dies am Ende. Das Finale war überraschend, teils schockierend und mutig. Emotional konnte es nur bedingt mitreißen, dies zu begründen würde aber einen Spoiler bedeuten, weswegen ich hier lieber vage bleibe.

Fazit

„Mondprinzessin“ ist für mich eine kleine Achterbahnfahrt mit vielen Hoch-, aber ebenso vielen Tiefpunkten. Der Plot und das Worldbuilding auf knapp bemessenen 250 Seiten sind insgesamt gut gelungen. Das Cover ist wunderschön, das Ende bleibt absolut im Gedächtnis hängen. Die subkulturellen Anspielungen sowie Witze zaubern ein Lächeln aufs Gesicht und machen das Jugendbuch unterhaltsam. Dem gegenüber stehen ein unausgeglichener, zu oberflächlicher Schreibstil, der aber immer wieder sein Potenzial aufblitzen lässt. Hinzu kommen eine zunehmend unsympathischere und dümmliche Protagonistin, emotional überladene, konstruiert wirkende Dialoge und ein sehr vorhersehbarer Antagonist. Nein, Patrick: Mayonnaise ist kein Instrument. Und nein, Lynn: ein Mond ist kein Planet. Dennoch liegt, auch dank der Illustrationen, ein feiner Zauber über diesem Jugendbuch, weshalb ich ihm gerade so noch drei von fünf Federn geben möchte. Schließlich würde mich doch interessieren, wie es weitergeht. Da ich die Fortsetzung „Mondlichtkrieger“ bereits vorliegen habe, werde ich diese als Nächstes lesen.