Das Land der verlorenen Träume


Das Land der verlorenen Träume
31. Mai 2019 0 Von lara

Die Flucht ins Ödland

Meine zweite Mai-Rezension 2019

Caragh O‘Brien hat ihre Leser mit ihrem Jugendbuch-Debüt „Die Stadt der verschwundenen Kinder“ in eine dystopische Welt entführt, in der die Bewohner eines Dorfes die ersten drei Neugeborenen pro Monat weggeben müssen. Eine junge Hebamme fängt an sich gegen dieses Gesetz aufzulehnen und so beginnt die Geschichte der „Gaia Stone-Trilogie“. Mit „Das Land der verlorenen Träume“ habe ich nun die Fortsetzung gelesen, auf die ich mich schon sehr gefreut hatte und die 2012 erschien.

Inhalt

Der 16-jährigen Gaia Stone ist dank ihren Freunden die Flucht aus der Enklave und Wharfton gelungen. Nur mit einem Rucksack und ihrer neugeborenen Schwester Maya bei sich, macht sie sich nach Norden zum toten Wald auf, von dem nicht einmal klar ist, ob er tatsächlich existiert. Nach einigen Wochen im Ödland wird Maya immer schwächer und auch Gaia kommt an das Ende ihrer Kräfte. Im letzten Moment wird sie von einem jungen Mann namens Peter gerettet, der sie und Maya nach Sylum bringt, eine Siedlung, dessen Oberhaupt Gaias Großmutter Danni Orion bis zu ihrem Tod war. Dort angekommen wird ihr Maya weggenommen, denn Mädchen gelten in dieser Gesellschaft als äußert wertvoll, da in Sylum nur jedes zehnte Neugeborene ein Mädchen ist und die Population deswegen stetig schrumpft. Aufgrund ihres geschwächten Zustandes und der sogenannten Schwellenkrankheit ist es Gaia aber unmöglich erneut zu fliehen und so muss sie sich vorerst mit ihrem Schicksal abfinden.

Cover

Es gibt keine großen Unterschiede zwischen diesem Cover und dem von „Die Stadt der verschwundenen Kinder“. Hier ist der Hintergrund gelb anstatt blau, die Profile desselben Mädchens oben und unten sind dieses Mal spiegelverkehrt. Ansonsten finden sich dort wieder die Rauchschwaden und die kleinen Punkte, die hier aber etwas blasser sind, was erneut den Plot gut untermalt. Zwar zeigen die Cover sehr gut, dass sie zu einer Reihe gehören, etwas mehr Abwechslung hätte ich mir aber doch gewünscht.

Kritik

„Sie packte den Griff ihres Messers fester und taumelte zurück ins Dunkel.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels und zeigt die Szene, in der Gaia im Ödland merkt, dass sie beobachtet wird. Dieser Beobachter ist Peter, der sie später nach Sylum bringt. Somit ist der wochenlange Marsch durch die Einöde wegen des Übergangs zwischen beiden Bänden glücklicherweise maximal gekürzt. Wer sich noch an „Die Flucht“ von Ally Condie erinnert, weiß, dass das nicht immer so läuft.
Mit fast 500 Seiten und 27 Kapiteln ist „Das Land der verlorenen Träume“ in der Länge nahezu identisch mit seinem Vorgänger. Auch dieses Mal gibt es eine Bonusgeschichte und eine Karte, hier von Sylum, in der die wichtigsten Handlungsorte verzeichnet sind, beispielsweise das Mutterhaus oder die Häuser von wichtigen Nebencharakteren. Wie gewohnt erzählt Gaia im personalen Erzähler und im Präteritum. Jedoch hat sich Gaia charakterlich inzwischen stark verändert. Sie weiß nun, dass das Brandmal ihr absichtlich zugefügt wurde und scheint damit ihren Frieden gemacht zu haben. Seitdem sie Blicke in ihr Gesicht standhalten kann, ohne es verstecken zu wollen, scheinen ihre Mitmenschen interessanterweise auch weniger darauf zu achten. Gaia wirkt von Anfang an deutlich reifer und selbstbewusster als vorher. Man merkt ihr an, dass sie gerade an der Schwelle zum Erwachsen werden steht und die Grenzen zwischen Mädchen und Frau fließend sind. Sie traut sich immer häufiger ihre Meinung und Zweifel offen zu sagen und entwickelt sich langsam von einem unscheinbaren Mädchen zu einer rebellischen jungen Frau.
Mit Sylum, das phonetisch klar an Asylum erinnert, zeigt O‘Brien eine ganz andere Gesellschaft als die Enklave, die aber auch ihre Probleme mit Babys hat. Litten die Kinder in der Enklave aufgrund eines zu geringen Genpools an Hämophilie, im Volksmund auch Bluterkrankheit genannt, werden in Sylum kaum noch Mädchen geboren. Nur noch jedes zehnte Kind ist ein Mädchen, weshalb jede verheiratete Frau dazu verpflichtet ist, mindestens zehn Kinder zu bekommen, in der Hoffnung, dass darunter zumindest ein Mädchen ist, was den Fortbestand des Dorfes absichert. Aufgrund des Mangels an Mädchen, gelten diese auch als besonders wertvoll und schützenswert. Sylum wird zudem von einer Frau, die als „Matrarch“ bezeichnet wird regiert, da das Dorf schließlich ein Matriarchat ist. Frauen sind Familienoberhäupter, die Jungen müssen von den Müttern versorgt werden, da es von ihnen zu viele gibt, um sie alle zu verheiraten. Unverheiratete Frauen dürfen keine sexuellen Beziehungen führen, Männer dürfen Frauen nicht einmal ohne Erlaubnis ansprechen. Die Diskriminierung der Männer geht so weit, dass man von Sexismus sprechen kann, denn diese dürfen nicht einmal demokratisch wählen. Ein wenig erinnert die geringe weibliche Geburtenrate in überspitzter Form an Länder, in denen Frauen noch stark diskriminiert und sexualisiert werden, wie zum Beispiel in Indien oder China. Durch Abortionen werden in diesen Ländern heute noch mehr Jungen als Mädchen geboren. In Indien kommen auf 100 geborene Mädchen 106 Jungen, in China sind es sogar 118 Jungen. Dadurch mangelt es der Gesellschaft an Frauen: Entführungen und Massenvergewaltigungen häufen sich.
Ein weiteres Problem, das hier aufgegriffen wird und aktuell wieder sehr präsent in den Medien ist, ist der Klimawandel. Im 25. Jahrhundert, in dem die Geschichte spielt, ist dieser so weit fortgeschritten, dass das heutige Zeitalter nur noch als die „Kalte Zeit“ bezeichnet wird. Die Folgen waren so katastrophal, dass viele Tierarten wie Elefanten oder vermeintlich Pferde ausgestorben sind und auch die Menschheit so enorm dezimiert wurde, dass sie nur noch in verstreuten Kolonien leben. An Wharfton grenzt der Trockensee, der laut Gaias Vater bereits seit über 300 Jahren ausgetrocknet ist. Auch der Nipigonsumpf bei Sylum war früher einmal ein richtiger See. Selbst wenn man es auf den ersten Blick nicht bemerkt, hat der Klimawandel starke Auswirkungen auf Gaias Leben.
O‘Briens Schreibstil bleibt gewohnt leicht und angenehm, auch wenn ich das Gefühl habe, dass sie bei diesem Band unter größerem Zeitdruck stand, weshalb es atmosphärisch doch nicht ganz so ausgereift ist und die Dialoge manchmal zur Überdramatisierung tendieren. Was mich zudem gestört hat, ist die Liebesgeschichte, die sich in eine äußerst nervige Richtung aufbaut. War Gaia bei ihren vorherigen Gefühlen recht gefasst, überreagiert sie jetzt beim Anblick ihres Schwarms. Herzrasen, Schweißausbruch und kurzweiliger Atemstillstand sind die teenagerhaften Symptome, die ansonsten zu einer immer reifer werdenden Gaia überhaupt nicht passen. Zudem baut O‘Brien hier noch eine Dreiecksbeziehung mit ein, die furchtbar klischeehaft ist. Ich hatte ehrlich gehofft, dass diese dystopische Jugendbuch-Trilogie endlich mal vom Schema F abweicht, anstatt in ein viel zu vorhersehbares Muster zu fallen, doch leider wurde ich enttäuscht.
Bis kurz vor dem Ende war nicht ganz sicher, wohin der Plot sich so richtig bewegt. Wird Gaia im dritten Band nach Wharfton zurückkehren, wo alles begann und dessen Konzept mich beim Klappentext so fasziniert hat? Wird sie sich in Sylum bewähren und hierarchisch sogar aufsteigen können? Ob kluge Entwicklung oder Bruch wird wohl erst die Fortsetzung „Der Weg der gefallenen Sterne“ zeigen.

Fazit

Nach wie vor mag ich Gaia Stone und ihre Geschichte. Leider kann der zweite Band aber merklich nicht mit dem Auftakt mithalten. Beim Ortswechsel zu Sylum bin ich recht zwiegespalten, vor allem aber die Liebesgeschichte, die mit übertriebenen Schwärmereien und der Dreiecksbeziehung Punkte verliert, sorgt dafür, dass „Das Land der verlorenen Träume“ schlechter wegkommt als der Vorgänger. Außerdem ist es atmosphärisch ebenfalls schwächer, weshalb es vor allem die zweite Hälfte zur Langatmigkeit neigt. Der dystopische Aspekt ist, wenn er denn mal thematisiert wird, aber wirklich gelungen. Nichtsdestotrotz reicht das nicht für ein besseres Urteil als „In Ordnung“, weshalb ich hier nur zwei von fünf Federn vergeben kann.
Ich hatte auch kurz in Erwägung gezogen, Caragh O‘Briens Trilogie hiermit abzubrechen, habe mich dann aber aus drei Gründen dagegen entschieden. Erstens: Ich bin zwar enttäuscht, aber die Geschichte ist bisher schlichtweg nicht schlecht genug, um sie reuelos abbrechen zu können. Zweitens: Ich besitze den dritten Band „Der Weg der gefallenen Sterne“ bereits und es wäre schade, wenn das Papier bedruckt und ungelesen bliebe. Drittens: Inzwischen habe ich zwei Drittel der Geschichte gelesen und es wäre schade, kurz vor dem Ende aufzugeben, zumal der letzte Band auch der kürzeste ist. Vielleicht ist das Ende überraschend gut, zumindest hoffe ich darauf.