Dunkler Dämon


Dunkler Dämon
15. April 2019 0 Von lara

Der Mörder deines Vertrauens

Meine zweite April-Rezension 2019

Jeffrey P. Freundlich, eher bekannt unter dem Pseudonym Jeff Lindsay, ist der Autor der Psychothriller-Reihe um Dexter Morgan, dem Mörder der Mörder. Das Pseudonym ist angesichts des Nachnamens und des Genres doch sehr verständlich. Interessanterweise hat Lindsay bislang ausschließlich diese Buchreihe veröffentlicht. Seit dem Abschluss der Reihe in den USA im Jahr 2015, ist kein weiteres Werk von ihm erschienen. Eine Pause mit einer Länge von vier Jahren hat er noch nie zuvor gemacht. Es ist fraglich, ob Lindsay in Zukunft überhaupt noch Bücher publizieren wird und falls ja, ob sie erstmals nicht von Dexter handeln. „Dunkler Dämon“ ist der zweite Teil der besagten Reihe und erschien 2006 auf Deutsch.

Inhalt

Nach Maria LaGuertas Tod ist Dexter Morgans Leben nicht mehr wie zuvor. Sergeant Doakes verfolgt ihn auf Schritt und Tritt, weil er überzeugt davon ist, Dexter habe ein dunkles Geheimnis. Dass es das Ermorden zahlreicher Schwerverbrecher, die der US-amerikanischen Justiz bislang entkommen sind, ist, ahnt Doakes aber nicht. Dabei wollte Dexter eigentlich in Ruhe den Komplizen eines Kinderschänders ausfindig machen. Stattdessen muss er wegen der dauerhaften Beschattung die Beziehung zu seiner Alibifreundin Rita und ihren zwei Kindern pflegen und ein normales Leben vortäuschen. Als plötzlich eine extrem brutale Serie von maximalen Verstümmelungen in Miami einhält, flammt Dexters Blutrausch sofort auf.

Cover

Auf den ersten Blick dachte ich, das Cover von Sebastian Fitzeks „Der Augensammler“ in den Händen zu halten, das ich letztes Jahr gelesen habe. Auf derselben Höhe befindet sich ein geschlossenes Auge, bei dem die Wimpern deutlich zu erkennen sind. Allerdings ist dieses Cover in Schwarzweiß gehalten, das andere hat einen gelblichen Stich. Übrigens gibt es bei beiden Autoren Antagonisten, die ihren Opfern die Augenlider chirurgisch entfernen. Fitzeks Werk ist aber erst fünf Jahre nach dem von Lindsay erschienen.
Wenn man ein Buchcover im ersten Moment mit dem eines anderen verwechselt, kann es nicht besonders sein. Wie schon beim Vorgänger gefällt mir auch dieses Cover leider nicht wirklich.

Kritik

„Und wieder der Mond, feist und niedrig hängt er in der tropischen Nacht, ruft quer über den geronnenen Himmel in die bebenden Ohren jener teuren, alten Stimme im Schatten, des Dunklen Passagiers, der sich gemütlich in die Rückbank des Ford Ka von Dexters hypothetischer Seele kuschelt.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels und eindeutig der längste Einleitungssatz, den ich je gelesen habe. Dieser Schachtelsatz wirft mit einem Sammelsurium von Informationen um sich. Mit dem Wort „wieder“ wird deutlich, dass es sich hier um eine Fortsetzung handelt. Wie beim Vorgänger auch, beginnt die Geschichte mit dem Motiv des Mondes, der das Auftauchen Dexters mordlustiger Seite repräsentieren soll, als sei er eine spezielle Art Werwolf. Im Wahn spricht Dexter gelegentlich in der dritten Person, eigentlich erzählt er aber aus der Ich-Perspektive und im Präteritum. Die „tropische[…] Nacht“ legt Handlungszeit und -ort grob fest. Auch der „Dunkle Passagier“, Dexters zweitem Gesicht und die „hypothetische[…] Seele“ sprechen für einen psychopathischen Erzähler.
Mit fast 400 Seiten, 29 Kapiteln und einem Epilog ist „Dunkler Dämon“ etwas länger als sein Vorgänger. Das merkt man allerdings kaum, da der Einstieg hier sehr gelungen ist. Wie bereits zuvor, beginnt die Geschichte mit Dexter im Blutrausch. Der Leser wird hier also förmlich ins kalte Wasser geworfen und der wahnhaften Brutalität entgegen gestellt.
Lindsays Schreibstil hat sich, verglichen mit seinem Debüt, klar verbessert. Auch die hochsommerliche Atmosphäre Miamis, in der Leichen noch abstoßender wirken, ist dieses Mal stärker gezeichnet. Die alltäglichen Szenen sind mit stärkeren Dialogen gefüllt. Doch diese Euphorie ebbt ab der zweiten Hälfte wieder ab und der Plot verdünnt sich durch Dexters innere Monologe, die sich ständig im Kreis drehen und die das Ganze enorm langatmig machen.
Die Geschichte weicht, spätestens seit LaGuertas Tod und der Flucht des Kühllaster-Killers, vollkommen von der Serie ab, die ab der zweiten Staffel einen komplett anderen Plot hat, bei der im Meer Plastiksäcke mit Leichenteilen gefunden werden, die allesamt von Dexter versenkt wurden. Einzig die dauerhafte Beschattung durch Sergeant Doakes ist eine Parallele.
Neben Dexter spielt aber auch noch Deborah, seine Adoptivschwester, eine große Rolle. Sie ist ein paar Jahre jünger als der Protagonist und ebenfalls Polizistin wie ihr Vater. In der Serie wird sie von Jennifer Carpenter verkörpert, die nicht wirklich der Buchbeschreibung entspricht. Dort wird sie als extrem attraktive junge Frau mit langen Haaren und einer weiblichen Figur beschrieben. Einmalig wird sie sogar mit einem Playmate verglichen. Außerdem hat sie mit Sexismus am Arbeitsplatz zu kämpfen. Jennifer Carpenter ist dagegen deutlich drahtiger und hat härtere Gesichtszüge, was besser zu ihrem Charakter passt. Sie ist sehr direkt, impulsiv, burschikos und vulgär. Das ist einerseits ein enormer Kontrast zu ihrer, im Buch beschriebenen Optik, andererseits wirkt es auf ihre Vorgesetzten oft respektlos und unkultiviert.
Was mich sowohl bei der Serie, als auch bei den Büchern fasziniert, ist die moralische Frage, die ein Charakter wie Dexter aufwirft. Er ist zweifelsfrei ein Serienmörder, aber auch jemand, mit dem man sympathisiert, vielleicht sogar jemand, dessen Taten man akzeptiert. Doch kann man seine Morde und seine Selbstjustiz gutheißen? Ist er ein verhältnismäßig besserer Mensch, weil er nur Schwerkriminelle tötet? Macht er als Mörder die Welt tatsächlich zu einem schöneren Ort? Hat er eine Strafe verdient und falls ja, in welchem Ausmaß? Das alles sind Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind und deren Beantwortung den Rahmen sprengen würden, mit denen man sich aber bei dieser Lektüre beschäftigen sollte.
Das spannende Finale dieses Bandes beschränkt sich leider nur auf das letzte Kapitel. Der Epilog dient als kurzer Ausklang, weist aber auch die Lebenswege auf, die Dexter noch offen stehen.

Fazit

Auch wenn „Dunkler Dämon“ der zweite von insgesamt acht Bänden auf Englisch ist, von denen bisher fünf auf Deutsch erschienen sind, werde ich die Reihe nicht fortsetzen. Das hat mehrere Gründe. Erstens: Wie erwähnt ist die Tetralogie nicht vollständig ins Deutsche übersetzt worden und es sieht nicht danach aus, als würde dies in naher Zukunft noch geschehen. Spätestens ab dem sechsten Band müsste ich also auf Englisch fortfahren, wodurch ohnehin ein Bruch entstehen würde. Zweitens weicht die Serie bereits jetzt schon komplett von den Büchern ab, wodurch Vergleiche absolut überflüssig wären. Die Serie hat mir ab der dritten Staffel zwar ohnehin nicht mehr gefallen, da ich aber auch weiß, wie die Bücher enden, sehe ich für mich keinen Mehrwert darin die Reihe abzuschließen. Denn drittens: Lindsay gelingt es zwar einen Plot gut aufzubauen, er schließt ihn aber blitzschnell ab, während der Mittelteil eine Durststrecke bietet. Auch Dexter hat einerseits seine faszinierende und sarkastische Seite, seine repetitiven Monologe und seine Arroganz machen ihn dagegen wesentlich unsympathischer als in der Serie. Bei seinem Debütroman war ich noch etwas nachsichtig, „Dunkler Dämon“ hat sich aber nicht signifikant verbessert, teilweise sogar latent verschlechtert. Deshalb gebe ich dem zweiten Band der Dexter-Reihe von Jeff Lindsay zwei von fünf Federn.