Die Mitternachtsbibliothek

27. Januar 2026 2 Von lara

Wie kleine Entscheidungen das Leben verändern

Meine Januar-Rezension 2026



Das Motto der Lesechallenge im Januar 2026 lautet: Lies ein Buch, das dir jemand empfohlen hat. Für mich die perfekte Gelegenheit einen Roman zu lesen, der mir nicht nur empfohlen, sondern auch ausgeliehen wurde. „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig aus dem Jahr 2021 habe ich von meiner Tante bekommen und der Klappentext hat mich direkt gefesselt. Es erzählt die Geschichte einer Frau, die nach mehreren Schicksalsschlägen und verpassten Chancen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sieht und dieses beenden möchte. Aus diesem Grund würde ich hier auch eine Triggerwarnung für Suizid aussprechen, auch wenn das Thema wirklich sensibel behandelt wird. Der Roman war extrem erfolgreich: Er wurde in Großbritannien mehr als eine Millionen Mal verkauft, war auf der New York Times Bestseller List auf Platz 1, in Deutschland insgesamt 21 Wochen auf der Spiegel-Bestseller-Liste und erlebte auch auf TikTok einen großen Hype. Und auch ich würde sagen, dass dieser Roman wirklich lesenswert ist.

Inhalt

Die 35-jährige Nora Seed sieht sich als gescheiterte Existenz: Nach ihrem Bachelor-Abschluss in Philosophie arbeitet sie weiterhin in einem Musikgeschäft als Verkäuferin, jobbt als Klavierlehrerin und hat viele Chancen im Leben verpasst. So hat sie bspw. das Schwimmen als Teenagerin aufgegeben, obwohl sie sehr talentiert war oder hat ihren Verlobten Dan zwei Tage vor der Hochzeit sitzen lassen. Als eines Tages ihr Kater Voltaire stirbt, sie ihren Job verliert und dann noch in ein Streitgespräch über ihren Bruder kommt, verlässt sie der Lebensmut vollkommen. Sie beschließt, sich mit einer Mischung aus Alkohol und Tabletten umzubringen. Doch anstatt zu sterben, findet sie sich in der Mitternachtsbibliothek wieder, die von ihrer ehemaligen Schulbibliothekarin geleitet wird. Dort hat sie die Möglichkeit, all jene Leben zu leben, die sie durch das Treffen anderer Entscheidungen verpasst hat. Und sollte sie das perfekte Leben für sich finden, darf sie darin für immer bleiben.

Cover

Ich liebe dieses wunderschöne Cover! Der nachtblaue Hintergrund mit den tiefgeprägten Silberfolien-Punkten bilden einen traumhaften Sternenhimmel. Im Vordergrund steht ein Haus mit weißer Außenfassade, doch alle vier Wände haben verschiedene Architekturen. Außerdem hat es kein Dach. Aus dem Inneren geht ein Leuchten hervor, das von Orange über Gelb bis hin zu Grün und Blau geht. Links neben dem Haus läuft eine weiße Katze, vermutlich Noras Kater Voltaire. Ich glaube, dieses hübsche Cover hat auch zum Erfolg des Romans beigetragen.

Kritik

„Neunzehn Jahre bevor sie beschloss zu sterben, saß Nora Seed in der warmen kleinen Bibliothek der Hazeldene School in Bedford.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels mit dem Titel „Ein Gespräch über Regen“. Zu diesem Zeitpunkt ist Nora 16 Jahre alt und spielt eine Partie Schach gegen die Bibliothekarin Mrs. Elm. Die englische Großstadt Bedford liegt übrigens etwa 80 Kilometer nördlich von London. Ihre Einwohner haben zu 10% italienische Vorfahren, was an der Gastarbeiter-Anwerbung durch die London Brick Company liegt. Auch Nora erwähnt, dass ihre Großeltern aus Italien stammen. Mit dem Kapitel beginnt ein Countdown, denn jeder Satz der ersten Kapitel beginnt mit „X Zeiteinheiten bevor sie beschloss zu sterben…“. Der Roman ist aus der personalen Perspektive von Nora im Präteritum geschrieben.

Damit ist Nora auch die Protagonistin. Nach dem ersten Kapitel ist sie 35 Jahre alt, hat einen Bachelor-Abschluss in Existenzphilosophie, was im Kern studierte Arbeitslosigkeit ist, und ist hauptberuflich Verkäuferin in einem Musikgeschäft. Außerdem ist sie seit einigen Wochen von ihrem Verlobten Dan getrennt. Sie hat schwarze, mittellange Haare und mich von ihrer äußeren Beschreibung sehr an die Schauspielerin Krysten Ritter erinnert. Nora ist eine introvertierte, sensible und reflektierte Person, die stark von Selbstzweifeln und Reue geprägt ist. Sie nimmt sich selbst vor allem über ihre vermeintlichen Defizite wahr: verpasste Chancen, gescheiterte Beziehungen und nicht erfüllte Erwartungen. Zugleich ist Nora intelligent und vielseitig begabt. Sie spielt Klavier, interessiert sich für Philosophie sowie Naturwissenschaften und ist allgemein wissbegierig. Damit liegt auf der Hand, dass Noras Persönlichkeitswandel primär darin besteht, nicht so hart zu sich selbst zu sein oder sich für vermeintliche Fehler zu geißeln. Nora ist definitiv eine sympathische Protagonistin, deren Handlungen ich in den meisten Fällen gut nachvollziehen konnte.

Haig nutzt einen klaren, zugänglichen und überwiegend schlichten Schreibstil. Die Sprache ist einfach, dialogarm und eher introspektiv auf das Innenleben von Nora gerichtet. Das Tempo ist hier perfekt ausbalanciert. Nicht umsonst wird „Die Mitternachtsbibliothek“ als optimale Bettlektüre empfohlen. Dabei ist die Atmosphäre anfangs melancholisch und bedrückend. Noras Leben ist von Depression, Einsamkeit und Isolation geprägt, wodurch ihr schwindender Lebenswille greifbar wird. Obwohl es kaum handlungsgetriebene Spannung gibt, ist dieser Roman ein absoluter Pageturner, sodass es mir manchmal trotz Müdigkeit schwer gefallen ist, ihn wegzulegen. Darin besteht auch dessen größte Stärke: Noras stetiger Wechsel in jene Leben, die sie hätte leben können, lässt viel Abwechslung aufkommen. Ich habe aufgrund seiner unterhaltsamen Art wirklich gerne zu diesem Buch gegriffen.

Der Roman thematisiert viele verschiedene philosophische Denkansätze wie Existenzialismus oder kontrafaktisches Denken. Insbesondere die Was-wäre-wenn-Szenarien über Noras Entscheidungen im Leben stellen infrage, ob es das beste Leben überhaupt gibt, oder ob sie nicht alle Licht- und Schattenseiten haben. Dabei werden immer wieder Thesen unterschiedlicher Philosophen wie Voltaire, Henry David Thoreau oder Jean-Paul Sartre eingestreut. Dies wirkt an manchen Stellen aber zu gewollt intellektuell, gerade weil gleichzeitig Fachfehler auftauchen. So bezeichnet Nora z.B. einen „Pfeifton aus der Nase“ (S. 19) als „düsteres b-Moll“ (S. 19). Allerdings kann man aus einem einzelnen Ton keine Tonart ableiten, sondern nur aus einem Akkord, also mehreren Tönen, die gleichzeitig gespielt werden. Das sollte Nora als Pianistin und Mitarbeiterin eines Musikgeschäfts eigentlich wissen. Etwas später ist im Rahmen eines Quiz die Rede von einem „Polygon mit zwanzig Flächen“ (S. 62). Darüber bin ich direkt gestolpert, denn ein Polygon ist eine zweidimensionale Figur, besitzt also nur eine Fläche, aber 20 Kanten. Es müsste also entweder heißen: ein Polygon mit 20 Kanten ODER ein Polyeder mit 20 Flächen. Später wird dieser Fehler sogar noch einmal wiederholt: „Ein zwanzigflächiges Polygon nennt man Ikosagon.“ (S. 73). Das ist falsch, denn ein zwanzigflächiges Polyeder nennt man Ikosaeder. Es ist im Grunde genommen halb so wild, aber doch erstaunlich, dass diese recht offensichtlichen Fehler trotz Welterfolg durchs Korrektorat gerutscht sind.

Etwas kritisch ist auch, dass Nora viele Leben besucht, in denen sie außerordentlichen Erfolg hat. Welche Talente sie auch hat, in irgendeinem Leben ist sie immer besser als die Konkurrenz. Sie ist Olympiasiegerin im Schwimmen, Schachgroßmeisterin, Cambridge-Professorin in Philosophie oder gefeierter Popstar. Doch wenn selbst das vermeintlich falsche Leben in überdurchschnittlichen Leistungen mündet, verliert Scheitern als reale Möglichkeit an Gewicht. Wie viele Menschen haben sich zwar für die Olympiade qualifiziert, sind aber nie auf dem Treppchen gelandet? Wie viele Menschen träumen von einer Karriere als erfolgreicher Musiker, werden trotz Talent aber niemals berühmt? Ich verstehe, dass die Aussage des Romans ist, dass Erfolg kein Garant für Zufriedenheit ist. Aber dass für manche Menschen trotz massiver Bemühungen ihr Lebenstraum niemals in Erfüllung geht, hätte zumindest in einem Leben erzählt werden dürfen. Das Ende ist zwar vorhersehbar, aber auch versöhnlich und schlüssig.

Fazit

Insgesamt ist „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig ein charmanter, kluger und faszinierender Roman darüber, wie jede kleine Entscheidung das Leben verändern kann. Besonders Schreibstil, Atmosphäre und eine glaubwürdige Protagonistin machen diese Geschichte so lesenswert. Haig gelingt es, schwere Themen wie Depressionen, Einsamkeit, Selbstzweifel und Suizid in eine unterhaltsame, fast schon tröstliche Erzählform zu überführen, durch die das Buch kaum wegzulegen ist. Gleichzeitig gibt es auch Schwächen: philosophische Verweise wirken teils aufgesetzt, Fachfehler lassen an sauberer Recherche zweifeln und die Möglichkeit des Scheiterns wird zu stark relativiert. Dennoch überwiegen hier die Stärken. Der Roman aus dem Jahr 2021 zeigt die Sinnlosigkeit auf, frühere Entscheidungen zu bereuen, denn Nora erkennt, dass manch scheinbar gute Entscheidungen auch zu unvorhersehbaren Unglücken führen können. Deswegen erhält „Die Mitternachtsbibliothek“ vier von fünf Federn.