Die Tribute von Panem X

Das Lied von Vogel und Schlange
Meine Juli-Rezension 2025
Eine Buchreihe, die meine Liebe zum Lesen besonders entfacht hat, ist Die Tribute von Panem von Suzanne Collins. Die Trilogie um Katniss Everdeen habe ich gelesen, bevor ich meinen Buchblog hatte, weshalb sie immer nur am Rande erwähnt wurde, obwohl sie zu meinen absoluten Favoriten gehört. Umso glücklicher war ich, als 2020 ein weiteres Buch der Reihe erschien: Die Tribute von Panem X. Dabei steht das X für die römische Zehn, denn es ist das zehnte Jahr, in dem die Hungerspiele in Panem stattfinden. Katniss Everdeen war zu dieser Zeit noch nicht einmal geboren. Die Hauptfigur hier ist Coriolanus Snow, der spätere Präsident von Panem. Dieses Prequel erzählt, wie er zu dem Antagonisten wird, den Katniss so sehr verachtet.
Inhalt
Der 18-jährige Coriolanus Snow lebt im Kapitol, der Hauptstadt Panems, gemeinsam mit seiner Großmutter und seiner Cousine Tigris in einem Penthouse. Doch der luxuriöse Schein trügt, denn der einstige Wohlstand der namhaften Familie Snow existiert schon lange nicht mehr. Coriolanus‘ einzige Chance auf eine akademische Laufbahn ist daher, am neu eingeführten Mentorenprogramm der jährlichen Hungerspiele teilzunehmen. Denn dem Mentor des gewinnenden Tributs winkt ein hohes Preisgeld. Als dann die 24 Tribute auf ihre Mentoren verteilt werden, ist er mehr als entsetzt, dass ihm ausgerechnet das Mädchen aus Distrikt 12 zugeteilt wird. Mit einem halb verhungerten Tribut aus dem ärmsten Distrikt hat er keine Chance auf den Sieg. Doch während der sogenannten Ernte zieht Lucy Gray Baird schnell die Aufmerksamkeit auf sich. Erst steckt sie einem Mädchen eine Schlange ins Kleid, dann erhält sie eine Ohrfeige vom Bürgermeister und zum Schluss singt sie auf der Bühne ein Lied, anstatt in Tränen auszubrechen. Coriolanus ist fasziniert von ihr und ahnt, dass sie ihm vielleicht doch zum Ruhm verhelfen kann, von dem er schon immer geträumt hat.
Cover
Dominant ist bei diesem Cover ist der schwarze Hintergrund, der mit anthrazitfarbenen Tupfen abgesetzt ist, gepaart mit dem Gold des Schriftzuges. Das goldene X in der Mitte ist gleichzeitig Teil des Titels und Motiv des Covers. Um den Buchstaben winden sich eine goldene Schlange mit aufgerissenem Maul und ein goldener Vogel, vermutlich ein Spotttölpel. Übrigens gibt es Spotttölpel gar nicht wirklich, sie sind für die Panem-Reihe erfunden worden und sollen eine Kreuzung aus Spottdrossel und Schnattertölpel sein. Der Spotttölpel steht in der Panem-Trilogie für den Widerstand gegen das aristokratische Regime. Auf diesem Cover symbolisiert der Vogel aber vermutlich auch Lucy Gray Baird, während die Schlange Coriolanus Snow symbolisieren soll. Aufgrund der Mischung aus Schwarz und Gold wirkt das Cover dunkel und edel. Das X, der Vogel und die Schlange verleihen ihm zudem eine Symbolträchtigkeit, durch die der Machtkampf und die Schicksalsverbindung zwischen Coriolanus und Lucy verdeutlicht werden soll. Mir gefällt das Cover sehr gut, insbesondere im Vergleich zu den alten Covern der Panem-Trilogie, die ein Mädchengesicht hinter Blättern zeigen.
Kritik
„Coriolanus ließ den Kohl in den Topf mit kochendem Wasser gleiten und schwor sich, ihn eines Tages für immer vom Speiseplan zu verbannen.“, ist der erste Satz des ersten Kapitels. Während die ursprüngliche Panem-Trilogie aus der Ich-Perspektive und im Präsens geschrieben ist, ist dieses Prequel aus der personalen Perspektive im Präteritum geschrieben, was der Geschichte eine erwachsenere Atmosphäre verleiht. Schließlich sind die Fans von damals keine Jugendlichen mehr, sondern inzwischen junge Erwachsene. Ich finde den ersten Satz extrem stark, da er direkt Snows finanziell missliche Lage darstellt und damit mit der Vorstellung gebrochen wird, dass alle im Kapitol lebenden Menschen im Luxus schwelgen, wie es vor allem für Katniss den Anschein macht. Besonders gut haben mir auch die Zitate von Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jaques Rousseau, William Woodsworth und Mary Shelley am Anfang des Buches gefallen, die auf Unmenschlichkeit, Freiheit, Krieg und menschliche Widersprüche anspielen, welche sich als Motive alle in dieser Geschichte wiederfinden lassen. Mit über 600 Seiten, 30 Kapiteln plus einem Epilog ist Die Tribute von Panem X ein verhältnismäßig langes Jugendbuch, aber wenn es euch geht wir mir, werdet ihr jede einzelne Seite gierig auftauchen.
Protagonist ist Coriolanus Snow, der in der Panem-Trilogie noch der Antagonist war. Als 18-Jähriger hat er blassblaue Augen, blonde Locken und wird als klein, aber athletisch sowie von verschiedenen Figuren als gutaussehend beschrieben. Vermutlich ist er nie so groß geworden, wie er hätte werden können, da er jahrelang aufgrund der Armut seiner Familie unterernährt war. Dass er, wie im Buch beschrieben, wässrige Kohlsuppe von goldverziertem Geschirr essen muss, verdeutlicht bildhaft den finanziellen Abstieg der einstigen old money-Dynastie, über den er krampfhaft hinwegtäuschen will, damit die Position seiner Familie im Kapitol nicht infrage gestellt wird. Da die meisten Leser Coriolanus bereits aus der Panem-Trilogie als kaltherzigen Präsidenten und Verfechter der Hungerspiele kennen, habe ich mich bei Erscheinen des Buches gefragt, wie Collins ihn inszeniert, ohne dass er der Leserschaft zu unsympathisch wird. Tatsächlich hat das ziemlich gut funktioniert. Coriolanus ist in erster Linie Opportunist: Er sagt, was von ihm erwartet wird und erwägt immer, was für ein Licht seine Aussagen auf ihn werfen. Auch, wenn er schlecht von seinen Mitmenschen denkt, würde er es ihnen nie direkt sagen, vor allem, wenn es seiner Reputation schaden könnte. Er ist ehrgeizig, berechnend und perfektionistisch. Dabei bleibt er ruhig, reserviert und verliert niemals die Beherrschung. Gleichzeitig ist er aber auch snobistisch und arrogant. So hält er seine Familie für etwas Besseres als andere im Kapitol und schaut besonders auf seinen Mitschüler Sejanus Plinth herab, der ursprünglich aus den Distrikten kommt und dessen Vater sich ins Kapitol eingekauft hat. Manche Leser beschreiben Coriolanus als egoistisch, aber dass er das Beste für sich und seine Familie will, ist meiner Meinung nach erst einmal nicht verwerflich. Coriolanus ist nicht davon getrieben, das moralisch Richtige zu tun, sondern das zu tun, was ihm zum sozialen Aufstieg verhilft. Die Brutalität der Hungerspiele und die unmenschliche Behandlung der Tribute lassen ihn nicht kalt. Er weiß aber, dass Widerspruch ihn in Schwierigkeiten bringen würde, weshalb er sich sehr bedeckt hält. Er ist also nicht immer liebenswürdig, aber absolut nachvollziehbar. Gerade sein opportunistisches Handeln hat mir immer wieder bewusst gemacht, dass er nur deswegen zum Bösewicht mutiert, weil er im Kapitol geboren und aufwachsen ist, wo er von bösen Menschen umgeben und zur Überheblichkeit erzogen wurde.
Collins‘ Schreibstil ist trotz einer einfachen und zugänglichen Sprache unfassbar intelligent. Es gelingt ihr, mit wenigen Worten die Beziehungen zwischen einzelnen Figuren klar hervorzuheben oder bspw. die Wirkung von Lucy auf die Zuschauer mit einem einzigen Vergleich zu verdeutlichen: „wie ein zerfledderter Schmetterling in einem Mottenschwarm“ (S. 36). Das Tempo ist perfekt ausbalanciert, sodass nie Längen entstehen. Auch die vermeintlich ruhigeren Szenen sind gespickt mit klugen Dialogen, die vor psychologischer Tiefe nur so strotzen. Generell ist Panem X zwar ein Jugendbuch, aber dennoch intellektuell, und sicher nicht weniger lesenswert als Literatur für Erwachsene. Sogar die Nebenfiguren, z.B. Iphigenia Moss, eine Mentorin, die nur auf wenigen Seiten vorkommt, hat eine angedeutete Hintergrundgeschichte und wirkt trotz kurzem Sprechanteil wie ein individueller Mensch. Selbst die Antagonisten sind facettenreich und trotz ihrer Boshaftigkeit nachvollziehbar, allen voran Dekan Highbottom, der als Erfinder der Hungerspiele gilt. Die Atmosphäre ist düster, angespannt, aber übertüncht mit Prunk und Opulenz. Es herrscht ein Gefühl von Kälte, sei es emotional oder sozial. Die Beziehung zwischen Coriolanus und Lucy ist dabei ein faszinierendes Spiel aus Anziehung, Manipulation und Misstrauen.
Panem X spielt 64 Jahre vor den Hungerspielen, an denen Katniss teilnimmt. Dass zwischen diesen Bücher sehr viel Zeit liegt, hat Collins spürbar in das Setting, z.B. durch technologische Entwicklungen eingebettet. Insbesondere bei den Hungerspielen fällt dies besonders auf, denn Coriolanus nimmt mit als erster an einem Mentorenprogramm teil, das es zuvor so nicht gab. Während Katniss und Peeta sich bei den 74. Hungerspielen Haymitch als Mentor teilen, hat in den zehnten Hungerspielen jeder Tribut einen eigenen Mentor. Auch, dass nun auf Tribute gewettet und ihnen mit Drohnen Essen oder Trinken zugeschickt werden kann, ist in den zehnten Hungerspielen ein Novum. Außerdem ist die Arena deutlich kleiner. Während Katniss und Peeta auf einem sehr weitläufigen Gelände ums Überleben kämpfen müssen, ist die Arena hier nur etwa so groß wie das Kolosseum. Vor allem aufgrund der Versorgung der Tribute mit Wasser und Lebensmitteln sind die zehnten Hungerspiele länger als alle zuvor. Normalerweise waren die Spiele innerhalb einiger Stunden vorbei, nun könnten sie theoretisch mehrere Tage dauern, was das Fernsehteam und den Moderatoren Lucky Flickerman, einen Vorfahren von Caesar Flickerman, vor Herausforderungen stellt. Es sind die kleinen Details, die diese Geschichte so immersiv und überzeugend gestalten.
Zwischendurch habe ich auch das Hörbuch, gelesen von Uve Teschner, genutzt. Es ist momentan kostenlos auf Spotify streambar. Die Verfilmung von 2023 The Ballad of Songbirds and Snakes mit Tom Blyth und Rachel Zegler in den Hauptrollen habe ich bisher leider noch nicht gesehen. Während ich die Hauptdarsteller und Jason Schwartzman als Lucky Flickerman für gut gecastet halte, habe ich bei Peter Dinklage als Dekan Highbottom und Viola Davis als Dr. Gaul hingegen Bedenken. Denn im Buch wird beschrieben, wie Dekan Highbottom, der einen Kopf größer als Snow ist, im Dialog auf ihn herabschaut. Diese Symbolik geht mit Peter Dinklage, der kleinwüchsig ist, und dem 1,80m großen Tom Blyth verloren. Vielmehr wird die Symbolik dadurch umgekehrt, wodurch die Figurendynamik seltsam verzerrt wirken könnte. Viola Davis als einziger Schwarzen im Cast ausgerechnet die Rolle der menschenfeindlichsten und abscheulichsten Figur zu geben, ist für mich auch nicht verständlich, zumal sie im Buch nicht als Schwarz beschrieben wird. Iris-Heterochromie hat Volumnia Gaul im Buch übrigens auch nicht. Auch inhaltlich weicht der Film wohl stellenweise vom Buch ab, auch um bewusst zu überdramatisieren, weshalb ich häufig gehört habe, dass die Verfilmung zwar ihre Stärken hätte, aber insgesamt die schlechteste Panem-Verfilmung bislang sei.
Im letzten Drittel entfaltet sich dann doch noch eine Durststrecke. Es gibt einen überraschenden Plottwist, aber danach ist der Verlauf des Plots doch recht vorhersehbar. Das ist bei einem Prequel wohl kaum vermeidbar und das Ende bleibt in einem wichtigen Punkt offen, aber insgesamt hat sich diese Passage mit Abstand am meisten gezogen. Und auch das Einbinden des Namen Katniss wirkt eher prätentiös als sinnhaft. Dennoch habe ich das Gefühl, den zuvor undurchsichtigen Coriolanus Snow nun deutlich besser zu verstehen. Ich bin gespannt, wie seine Auftritte im zweiten Prequel Panem L aussehen.
Fazit
„Die Tribute von Panem X“ lebt nicht bloß davon, ein Prequel einer erfolgreichen Bestseller-Trilogie zu sein, sondern ist ein fein geplotteter und fesselnder gesellschaftskritischer Roman. Insbesondere das psychologische Drama, der großartige Schreibstil und die vielschichtigen Figuren verleihen diesem Buch seine Raffinesse. Wegen des letzten, etwas zäherem Drittels hat es nicht ganz zum Highlight gereicht, aber ich kann das dystopische Jugendbuch dennoch wärmstens weiterempfehlen, besonders allen Panem-Fans. Deswegen erhält Suzanne Collins‘ Werk aus dem Jahr 2020 volle vier von fünf Federn von mir. „Die Tribute von Panem L“ steht schon seit dem Erscheinungstermin auf meiner Wunschliste.
