Eine Frage der Chemie

3. April 2026 0 Von lara

Eine explosive Mischung aus Naturwissenschaft und Feminismus

Meine zweite März-Rezension 2026


Das Motto für die Lesechallenge im März lautete: „Lies eine Neuerscheinung der letzten drei Monate.“ Leider habe ich mich in letzter Zeit wirklich sehr gut an mein Buchkaufverbot gehalten und deswegen in den vergangenen Monaten keine Neuerscheinung gekauft. Ich habe mich dann also dafür entschieden, zumindest das Buch vom SuB zu lesen, das als letztes erschienen ist. Zum Glück kann man den SuB in der App READO nach Erscheinungsdatum sortieren. So habe ich das neustes Buch auf meinem SuB schnell gefunden: „Eine Frage der Chemie“ von Bonnie Garmus. Der Debütroman erschien 2022 auf Deutsch und handelt von einer Chemikerin, die in den 1960er-Jahren Moderatorin einer Kochshow wird und damit das Leben von US-amerikanischen Hausfrauen für immer verändert.

Inhalt

Elizabeth Zott ist eine ungewöhnliche junge Frau, die es in den patriarchal geprägten USA der 1950er-Jahre geschafft hat, Chemie zu studieren. Kurz vor Abschluss ihres Masterstudiums an der UCLA und unmittelbar vor Beginn ihrer Promotion, wird sie jedoch von ihrem Doktorvater vergewaltigt. Weil sie sich mit einem spitzen Bleistift zur Wehr setzt, den sie ihm in den Bauch rammt, und sich vor der Polizei dafür nicht entschuldigen will, fliegt sie allerdings aus dem Promotionsprogramm. Daraufhin nimmt sie eine Stelle als Laborassistentin am Hastings Research Institut an, wo sie sich in ihren Kollegen und Überflieger Calvin Evans verliebt. Sie beginnen eine Beziehung, doch Calvin stirbt bei einem Unfall, als Elizabeth ihr erstes gemeinsames Kind erwartet. Als ihre Schwangerschaft herauskommt, wird sie zudem gefeuert. Doch Elizabeth lässt sich nicht unterkriegen und bekommt durch Zufall und wegen ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit eine Stelle als Moderatorin der Kochshow „Essen um sechs“. Bereits in der ersten Folge ignoriert sie die Moderationskarten und entwirft eine Sendung, die hohe Einschaltquoten erzielt. Damit erreicht sie Hausfrauen im ganzen Land und ermutigt sie zu einem feministischen und selbstbestimmten Leben.

Cover

Das Cover zeigt eine Schwarzweiß-Fotografie einer Frau mit kinnlangem Haar, das zu Locken gedreht ist. Sie trägt einen Rock, eine weiße Bluse und darüber einen Strickpullover, den sie bis zu den Ellbogen hochgezogen hat. Außerdem trägt sie Armbänder, Ohrringe, Lippenstift und Nagellack. Ihr Mund ist leicht geöffnet und ihr Blick in die Kamera gerichtet, während sie selbstbewusst ihren rechten Arm in die Hüfte stützt. Der Hintergrund ist verschwommen, doch man kann eine Straße, Hausfassaden und ein Leuchtschild erkennen, auf dem zumindest die Buchstaben B und A lesbar sind. Die restlichen Buchstaben sind jedoch so abgeschnitten, dass man das Wort nicht lesen kann. Über dem Foto liegt ein Farbeffekt, dessen Sepiatöne oben nach unten in Türkis übergehen. Vermutlich soll die Frau die Protagonistin Elizabeth Zott darstellen, die einen patenten und willensstarken Eindruck macht. Mir persönlich fehlt im Cover etwas der Bezug zur Chemie und allgemein bin ich kein großer Fan von Menschen auf Buchcovern, aber der Farbverlauf hat irgendwie was.

Kritik

„Damals, im Jahr 1961, als Frauen Hemdblusenkleider trugen und Gartenvereinen beitraten und zahllose Kinder bedenkenlos in Autos ohne Sicherheitsgurte herumkutschierten; damals, bevor überhaupt jemand ahnte, dass es eine 68er-Bewegung geben würde, und erst recht nicht eine, von der ihre Teilnehmer die folgenden sechzig Jahre erzählen würden; damals, als die großen Kriege vorbei waren und die geheimen Kriege gerade begonnen hatten und die Menschen allmählich anfingen, neu zu denken und zu glauben, alles wäre möglich, stand die dreißigjährige Mutter von Madeline Zott jeden Morgen vor Tagesanbruch auf und war sich nur einer Sache ganz sicher: ihr Leben war vorbei.“, ist der unendlich lange Satz des ersten Kapitels. Als erstes fällt der lange Hinweis auf die Handlungszeit mit historischen Bezügen auf: die Leserschaft wird bewusst in der Zeit zurück katapultiert und landet direkt im Jahr 1961, als die meisten von uns noch nicht geboren waren. Spannend ist auch, dass der Name der Protagonistin hier noch nicht fällt, sondern nur der ihrer Tochter, man aber gleichzeitig erfährt, dass sie 1931 geboren wurde. Außerdem setzt das erste Kapitel in medias res ein, also relativ spät im eigentlichen Handlungsverlauf. Erst nach dem ersten Kapitel springt der auktoriale Erzähler im Präteritum zurück und arbeitet sich dann wieder zur Anfangsszene hin. Falls ihr klugscheißen wollt: das Fachwort für eine erzählerische Rückblende ist Analepse. Mit etwas mehr als 450 Seiten und 44 Kapiteln ist „Eine Frage der Chemie“ ein etwas umfangreicherer Roman.

Protagonistin ist Elizabeth Zott, geboren 1931, Chemikerin aus Leidenschaft. Sie wird als außergewöhnlich hübsch sowie überdurchschnittlich groß für eine Frau beschrieben. Sie ist eine extrem rational denkende Person, die sich unabhängig, rebellisch, passioniert und gerechtigkeitsliebend zeigt. Dabei wirkt sie aber auch sozial unbeholfen und versteht gesellschaftliche Konventionen nur selten. Das merkt man bspw. daran, dass sie sich im Patriarchat bewusst nicht unterordnet und damit immer wieder aneckt. Auch, wenn ich mich nicht gänzlich mit ihr identifizieren konnte, finde ich sie doch bewundernswert: Sie versucht nicht, gemocht zu werden, sondern recht zu haben und integer zu bleiben. Gerade zu ihrer Zeit wurden Mädchen zu People Pleasern erzogen. Eine gebildete Frau, die sich traut, den Mund auf zu machen und zu widersprechen, ist genau das, was die Frauenrechtsbewegung dieser Zeit braucht. Trotzdem bleibt sie dabei menschlich. Sie stößt an ihre Grenzen, gerade weil sie eine Frau ist, kämpft aber unermüdlich weiter. In gewisser Weise ist sie trotz Schwächen ein Vorbild!

Garmus‘ Schreibstil ist absolut genial! Sie nutzt eine klare und schnörkellose Sprache, die gleichzeitig pointierte Beobachtungen mit viel Ironie zeigt. Alltagssprache trifft hier auf Fachsprache, die den Stil zugänglich, aber nie banal machen. Auch das Tempo ist perfekt abgestimmt und es gibt keinen Leerlauf. Man will wissen, wie Elizabeth sich in der männlich dominierten Welt behauptet, wodurch die Geschichte ihre Leserschaft schnell in den Bann zieht. Der auktoriale Erzähler, der sowohl spitzzüngig als auch charmant und humorvoll ist, wird dabei klug eingesetzt. Allerdings schildert er manche Passagen aus der Perspektive des Hundes Halbsieben, der doch sehr vermenschlichte Gedanken hat. Ich kann mir vorstellen, dass manche Leser dies zu abgedreht finden werden. Allerdings finde ich, dass das gut zu dieser leicht märchenhaften Atmosphäre voller schräger Zufälle passt. Für einen Debütroman ist der Schreibstil also ganz besonders beeindruckend!

Leider gibt es auch ein paar Ungenauigkeiten, insbesondere in Bezug auf Chemie, ein ganz zentrales Thema des Romans. Elizabeth mag zwar studierte Chemikerin sein, Garmus ist es allerdings nicht und das fällt stellenweise auf, wenn man sich ein wenig mit organischer Chemie auskennt. So ist auf Seite 156 bspw. die Strukturformel von Oxytocin abgebildet, die Elizabeth als „eine chemische Reaktion“ (S. 157) bezeichnet. Jedoch zeigt die Abbildung keine Reaktion, sondern bloß ein stabiles Molekül. Eine Reaktion bräuchte einen Reaktionspfeil, der ist hier aber gar nicht vorhanden. Anderes Beispiel ist, dass Elizabeth Kaffee aus destilliertem Wasser kocht. Klar, die Destillation ist ein chemisches Verfahren, jedoch ist es nicht empfohlen, destilliertes Wasser zu trinken. Kaffee aus diesem Wasser zu kochen, macht ihn zudem geschmacklich flach, dünn und unausgewogen. Natürlich wird es dann so dargestellt, als sei es der beste Kaffee, den der Gast jemals getrunken hat. Realistisch ist das jedoch nicht: Mit destilliertem Wasser bekommt man fast immer schlechteren, bitteren Kaffee. Auch der Aussage „Chemie ist per definitionem Leben.“ (S. 310), kann ich so nicht zustimmen. Per Definition ist Chemie die Wissenschaft von Aufbau, Eigenschaften und Umwandlung von Stoffen. Das gilt auch für unbelebte Stoffe, wie z.B. Metalle. Die Wissenschaft des Lebendigen hingegen ist die Biologie (bios = Leben). Generell wirkt Elizabeth manchmal eher wie eine Molekularbiologin oder Biochemikerin, weil ihr Forschungsgebiet auf Genetik und Abiogenese beschränkt ist. Aber ich denke, eine Chemikerin in den 1960ern ist noch mehr ein Einhorn als eine Biologin.

Feminismus spielt in diesem Roman eine große Rolle. Dabei wird Misogynie mit all ihren Facetten beleuchtet. Sei es struktureller Sexismus, wie das Absprechen fachlicher Kompetenz oder das Bevorzugen männlicher Kollegen trotz besserer Leistungen. Auch sexuelle Belästigung bis hin zur Vergewaltigung oder häusliche Gewalt werden hier ungeschönt beschrieben. Außerdem wird gezeigt, wie häufig weibliche Opfer alleine gelassen werden oder ihnen nicht geglaubt wird. Hinzu kommt das Rollenbild einer Frau als brave Mutter und dümmliche Hausfrau, die bei wichtigen Dingen nicht mitzureden hat. Zudem erleben die Frauen Alltagssexismus, indem ihnen herablassende Kommentare gedrückt oder sie auf ihr Aussehen reduziert werden. Elizabeth widersetzt sich dem in ihrer Fernsehshow, indem sie bewusst Hosen trägt und ihrer Zielgruppe zeigt, dass gute Kochkünste einen intellektuellen Anspruch haben. Zum Glück haben sich seit 1960 viele Dinge für Frauen zum Positiven verändert, z.B. gibt es keine Ächtung unehelicher Kinder mehr. Andere Dinge, wie sexuelle Gewalt oder Alltagssexismus sind aber heute noch bittere Realität.

Der größte Kritikpunkt ist für mich aber die Kochshow, die auch im Klappentext stark im Vordergrund steht. Elizabeth moderiert die Nachmittagssendung live von montags bis freitags. Und auch, wenn die Show durchaus ihre amüsanten Momente hat, wird nicht wirklich klar, wieso sie so erfolgreich ist. Wenn Elizabeth ohne Erklärung sagt, man müsse dem Gericht noch eine Prise Natriumchlorid sowie einen Schuss CH3COOH hinzufügen, werden sich wohl die meisten kaum die Mühe machen, anzurufen und nachzufragen, sondern eher abschalten. Ihre Instruktionen sind für Hausfrauen mindestens unklar und auch, wenn sie die Absicht hat, Frauen Bildung und Feminismus nahezubringen, holt sie die Frauen kognitiv nicht dort ab, wo sie gerade stehen. Kurz gesagt, Elizabeth kommuniziert nicht auf Augenhöhe, sondern drückt sich fachlich viel zu hoch aus. Ihre Gleichnisse sind dabei teilweise so krude, dass sie eher für Verwirrung als für Erleuchtung sorgen, z.B. wenn sie kovalente Bindungen mit der Ehe vergleicht. Ich verstehe auch nicht, warum sie bspw. ihren Kaffeetopf mit C8H10N4O2 beschriftet, obwohl Coffein in der Kaffeebohne nur zu 1-2 % enthalten ist. Das würde man selbst im Labor nicht so machen, denn bei Wirkstoffen wird die Konzentration angegeben. So wirkt das Einbetten chemischer Begriffe eher prätentiös als organisch. Zudem wird anfangs betont, dass die Sendung live ist. Später kommt Elizabeth aber nach Hause, während ihre Show noch im Fernseher läuft. Dass von der Livesendung abgewichen wurde, wird aber mit keinem Sterbenswort erwähnt.

Das Ende lüftet dann ein großes Geheimnis und gibt sich recht versöhnlich. Es zeigt ganz wunderbar, dass auch Männer Opfer des Patriarchats sind oder aktiv dagegen ankämpfen. Es zeigt aber auch, dass Elizabeth trotz ihres unermüdlichen Kampfes die Welt nicht völlig verändern wird, vor allem nicht im Alleingang. Würde die fiktive Elizabeth heute noch leben, wäre sie 95 Jahre alt. Sie würde wohl nicht mehr aktiv für Gleichstellung kämpfen können, deswegen müssen wir das tun.

Fazit

Insgesamt ist „Eine Frage der Chemie“ ein beeindruckender und thematisch relevanter Roman, der vor allem durch seine starke, unangepasste Protagonistin und den pointierten, ironischen Schreibstil überzeugt. Insbesondere für jene, die sich noch nicht aktiv mit der Bedeutung von Feminismus für Frauen und Männer beschäftigt haben, ist dies eine sowohl unterhaltsame als auch lehrreiche Lektüre. Gleichzeitig gibt es auch inhaltliche Schwächen, vor allem im Hinblick auf Chemie sowie die Kochshow. Auch einzelne erzählerische Entscheidungen, wie die Vermenschlichung des Hundes oder die Häufung unwahrscheinlicher Zufälle, könnten polarisieren. Aus diesem Grund gebe ich Bonnie Garmus‘ Debütroman vier von fünf Federn. Es ist ein sehr lesenswerter Roman mit kleinen Makeln, der dennoch nachhaltig im Gedächtnis bleibt.